4. Januar 2018

Benfica - Sporting 1:1

Das neue Jahr war keine 72 Stunden alt, schon wurde in Portugal mit dem Stadtderby von Lissabon zu einem der absoluten Saison-Highlights gebeten.

Anders als der FC Porto und Sporting Lissabon ist Benfica bereits vor Weihnachten aus allen drei Pokalwettbewerben ausgeschieden, ein Novum in der Vereinsgeschichte.

Als letztes Saisonziel bleibt die Titelverteidigung in der Liga, die das historische Penta, den fünften Meistertitel in Folge, bedeuten würde. Vor dem 16. Spieltag lagen die Adler drei Punkte hinter ihren beiden ewigen Rivalen auf dem dritten Tabellenplatz.

Wer nach dem EM-Titel im Sommer 2016 darauf hoffte, die Liga NOS würde die Gunst der Stunde nutzen und Werbung in eigener Sache machen, wurde bitter enttäuscht. Das Klima zwischen den drei Spitzenklubs ist vergiftet wie nie zuvor. So veröffentlicht der FC Porto seit Monaten gehackte E-Mails von Benfica. Ein selbst im skandalerprobten portugiesischen Fußball beispielloser Vorgang, der die Justiz noch Jahre beschäftigen wird.

Noch am Tag vor dem Derby forderte Sporting-Präsident Bruno de Carvalho in einem Zeitungsinterview den Zwangsabstieg der Adler. Zwar eilt Carvalho der Ruf voraus, dass sein Hass auf Benfica noch größer ist, als die Liebe zum eigenen Verein, der seit 15 Jahren vergeblich auf den Meistertitel hofft. Dem Klima rund um das Derby tat das Ganze trotzdem nicht gut.

Dabei hat Benfica rein sportlich schon genug Probleme. Nur selten konnte die Mannschaft von Trainer Rui Vitória in dieser Saison überzeugen. Der zunächst so beliebte Coach ist bei vielen Fans in Ungnade gefallen. Nicht wenige Benfiquistas sind inzwischen davon überzeugt, dass die Erfolge der ersten beiden Jahre unter Rui Vitória noch dessen Vorgänger Jorge Jesus zu verdanken sind, der jetzt bei Sporting an der Seitenlinie steht.

Aus der Gruppenphase der Champions League verabschiedete sich Benfica nach sechs Niederlagen und nur einem Treffer. Eine historische Demütigung, denn noch nie zuvor war ein portugiesisches Team in der Königsklasse ohne Punktgewinn geblieben. Im nationalen Pokal kam das Aus für den amtierenden Pokalsieger bereits im Achtelfinale gegen Rio Ave, im Ligacup reichte es gerade einmal zu drei Unentschieden. Da mutet es fast wie ein kleines Wunder an, dass der Meistertitel noch in greifbarer Nähe ist.

Die 61.966 Zuschauer im ausverkauften Estádio da Luz bekamen an diesem regnerischen Januarabend ein phasenweise hochklassiges Derby und die bislang mit Abstand beste Saisonleistung von Benfica geboten. Dass es am Ende nur zu einem in letzter Sekunde erkämpften Unentschieden reichte, hat mehrere Gründe.

Trotz ihrer drückenden Überlegenheit während fast der gesamten Spielzeit gelang den Adlern bis zur Schlussminute kein Treffer. Mehrfach verfehlte der Ball nur um Zentimeter das Gästetor, ein Gewaltschuss von Krovinović krachte in der ersten Halbzeit gegen die Latte. Sporting war effektiver, ihren ersten Angriff nutzten die Gäste nach 18 Minuten zum Führungstreffer.

Ein Tor, das eigentlich nicht hätte zählen dürfen, denn Acuña, der den Ball zunächst in den Strafraum geflankt hatte, stand ganz knapp im Abseits. Der Unparteiische Hugo Martins befragte den Videoschiedsrichter und gab den Treffer dann trotzdem.

Nur eine von vier höchst umstrittenen Entscheidungen, bei denen jedesmal der Video Assistant Referee (VAR) im Mittelpunkt stand. In der 34. Minute forderte Benfica einen Handelfmeter, doch Coentrão hatte den Ball wohl ins Gesicht bekommen. Das ist zumindest der Eindruck, den ich nach gefühlten hundert Zeitlupen aus zehn unterschiedlichen Perspektiven gewonnen habe.

Eine Stunde war gespielt, als der sich wegdrehenden Piccini im Gästestrafraum einen Schuss von Jonas mit dem Arm ins Seitenaus lenkte. Diesmal war die Sache eigentlich eindeutig, doch der VAR erkannte wohl ein unabsichtliches Handspiel.

In der 74. Minute dann eine klare Fehlentscheidung. Ein Kopfballduell mit Raúl entscheidet William Carvalho mit weit vom Körper gestrecktem Arm zu seinen Gunsten. Doch wieder kann der VAR im Studio in Oeiras keine Regelwidrigkeit sehen, und liefert der hitzigen Diskussion um den Videoschiedsrichter in Portugal damit weitere Nahrung.

Wie auch immer man die einzelnen Situationen bewerten mag, wurde Benfica zumindest ein klarer Strafstoss verweigert. Auffällig war zudem, dass der VAR im Zweifelsfall stets zu Gunsten von Sporting entschied.

Es spricht für die Moral des Rekordmeisters, dass er sich nicht in sein Schicksal fügte. Coach Rui Vitória verstärkte mit den Einwechslungen von Raúl, Rafa und João Carvalho nach und nach die Offensive und setzte gegen Ende praktisch alles auf eine Karte. Sein Mut sollte in der letzten Minute der regulären Spielzeit belohnt werden.

Einen Schuss von Rafa lenkte Battaglia so eindeutig mit der Hand über das Tor, dass Hugo Martins diesmal nichts anderes übrig blieb, als auf den Elfmeterpunkt zu zeigen. Jonas schnappte sich den Ball und traf mit seinem 18. Saisontor unhaltbar zum Ausgleich.

Ein Unentschieden, dass nach den gestern gezeigten Leistungen für Benfica eigentlich zu wenig ist. Trotzdem gibt das Derby viel Anlass zur Hoffnung, denn das Team von Rui Vitória präsentierte sich nicht nur kampfstark, sondern auch spielerisch verbessert. Zwar beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Porto jetzt fünf Zähler, doch noch stehen 18 Spieltage in der portugiesischen Liga aus. Und Benfica hat schon ganz andere Rückstande wett gemacht.

Weiter geht es für die Adler am kommenden Sonntag um 17 Uhr mit dem Auswärtsspiel beim Tabellenvierzehnten Moreirense. Das Spiel wird in Deutschland von sportdigital live übertragen.

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S.L. Benfica - Sporting Lissabon 1:1
Mittwoch, 3. Januar 2018, 21.30 Uhr
Estádio da Luz, 61.996 Zuschauer

Mannschaftsaufstellung: Bruno Varela, André Almeida, Rúben Dias (81. João Carvalho), Jardel, Grimaldo, Fejsa (72. Rafa), Pizzi (55. Raúl), Krovinović, Toto Salvio, Jonas, Cervi

Torschützen: 0:1 Gelson Martins (18.), 1:1 Jonas (90. HE)

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