2. August 2017

Seid verschlungen, Millionen

Waren das noch Zeiten, als man nur zur Fernbedienung greifen musste, um in den heimischen vier Wänden ein paar nette Fußballstunden zu verbringen. Zunächst Premiere und danach Sky zauberten die Bundesliga und die Champions League, La Liga und die Premier League zuverlässig auf die Mattscheibe.

Die Zeiten haben sich geändert, und zwar gründlich. Um am Ball zu bleiben, braucht der geneigte Fußballfreund heute nicht nur einen gut gefüllten Geldbeutel, sondern auch eine schnelle Internetverbindung.

Ich gehöre nicht zu jenen, die "gegen den modernen Fußball" sind. Das Fußballgeschäft ist spätestens in den letzten drei Jahrzehnten eine prosperierende Unterhaltungsbranche geworden, die in schöner Regelmäßigkeit neue Umsatzrekorde produziert. Es ist viel Geld im Kreislauf, der nicht zuletzt aus den Übertragungsrechten gespeist wird, für die inzwischen atemberaubende Summen gezahlt werden, die wiederum zu einem guten Teil in nicht minder atemberaubende Transfersummen und Spielergehälter fließen. Das kann man mögen, muß es aber nicht. Immerhin scheint es bislang zu funktionieren, denn wie immer bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis.

Wer Spaß am "modernen Fußball" hat, kann dieser Tage aus einer immer unübersichtlicheren Angebotsvielfalt wählen, die sich nicht mehr auf die klassische Fernsehübertragung beschränkt. Das Zauberwort heißt "Streaming", viele Spiele werden nur noch online übertragen.

Und hier beginnt die Sache kompliziert zu werden. Viele Fußballfreunde tun sich noch immer schwer mit dem Internet, beileibe nicht jeder wohnt in einer Region mit schneller Verbindung. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13,7 MBit/s gerade einmal den 26. Platz. Da freue ich mich natürlich über meine 46 MBit/s, frage mich aber auch, warum König Fußball hierzulande so massiv auf Streamingdienste setzt.

Nehmen wir zum Beispiel Karl, der irgendwo weit ab vom Schuß wohnt und Fan von Borussia Dortmund ist. Bislang genügte ihm ein Sky-Abo, um alle Spiele seiner Lieblinge im Fernsehen zu verfolgen. In dieser Saison kann Karl zwar wie gewohnt die Pokalspiele auf Sky sehen. In der Bundesliga bekommt er aber die Spiele seiner Borussen dort nur noch geboten, wenn sie nicht am Freitagabend, am Sonntag um 13.30 Uhr oder am Montagabend spielen, denn dann überträgt Eurosport, und zwar ausschließlich online.

Kompliziert? Ab der Saison 2018/19 wird es noch etwas unübersichtlicher. Dann nämlich teilen sich Sky und DAZN die Übertragungen der Champions League, die Europa League wandert wohl komplett ins Internet. In der Königsklasse zeigt Sky nur noch Konferenzschaltungen sowie magere 34 Einzelspiele, hat aber ein Erstwahlrecht auf Einzelspiele während der Gruppenphase an allen Mittwochen und drei von sechs Dienstagen. DAZN wiederum zeigt keine Konferenzen, überträgt dafür aber 104 Einzelspiele, hat an drei Dienstagen der Vorrunde ein Erstwahlrecht und zeigt alle Hinspiele der Achtel- und Viertelfinale exklusiv im Einzelspiel.

Kommen wir zu den Kosten. Für sein Sky-Abo zahlt Karl pro Jahr 611,88 Euro (Paket Starter/Sport/Bundesliga). Hinzu kommen 119,88 Euro für DAZN und 29,99 Euro für den Eurosport Player. Macht insgesamt 761,75 Euro per Annum oder 63,48 Euro im Monat. Ein schöner Batzen Geld, für den es aber eine Menge Fußball zu sehen gibt, denn DAZN hat unter anderem auch die Ligen aus England, Frankreich, Italien, Portugal oder Spanien im Programm, Sky überträgt nach wie vor die zweite Bundesliga.

Letztlich kann nur jeder für sich selbst die Frage beantworten, wieviel ihm das Vergnügen Profifußball wert ist. Hinter die Frage, ob sich die Branche mit der aktuellen Zersplitterung des Angebots einen Gefallen tut, würde ich aber ein dickes Fragezeichen setzen. Es besteht die Gefahr, dass der Fußball einen guten Teil seiner zahlungswilligen - benutzen wir ruhig das böse Wort - Kundschaft verliert, weil die technischen Hürden zu hoch und die Angebote zu verwirrend sind.

Gut möglich, dass schon in wenigen Jahren wieder eine Menge Luft aus dem Ballon gelassen wird, weil das Ganze zu kompliziert und zu teuer geworden ist. Gut möglich aber auch, dass sich das Rad weiter dreht und die Preise steigen und steigen.

An Alternativen mangelt es einstweilen nicht. Empfehlen kann ich zum Beispiel einen Besuch in der Regionalliga Südwest. Beim Spiel der Offenbacher Kickers am vergangenen Samstag in Hoffenheim kostete ein Sitzplatz auf der Haupttribüne zehn Euro.

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