18. Mai 2017

Benficas langer Weg zum Tetra

"Tetra". Kein anderer Begriff hat die Fantasie der Benfiquistas in den letzten Monaten so sehr beschäftigt wie dieses unscheinbare Wort mit nur fünf Buchstaben.

Denn mit bis dato 35 Titeln war Benfica zwar unangefochtener Rekordmeister in Portugal, aber öfter als dreimal hintereinander konnte der Verein in seiner 113-jährigen Historie die heimische Liga nie gewinnen.

Bereits mehrfach waren die Adler am vierten Titelgewinn in Serie gescheitert. Besonders schmerzlich für die erfolgsverwöhnten Anhänger von Benfica, dass sowohl dem Lokalrivalen Sporting als auch dem FC Porto dieses Kunststück schon geglückt war.

Es ging am vergangenen Samstag also um mehr als "nur" den 36. Meistertitel, der am vorletzten Spieltag der portugiesischen Liga mit einem Heimsieg gegen Vitória Guimarães vorzeitig unter Dach und Fach gebracht werden konnte.

Auf den letzten Metern des langen Weges bis zum heiß ersehnten Tetra wollten wir natürlich mit dabei sein, schon um fünf Uhr in der Frühe waren wir am vergangenen Donnerstag am Frankfurter Flughafen. Dass unser Kurztrip nach Lissabon einen ähnlich langen Anlauf wie Benficas Tetra nehmen sollte, verdanken wir einem 30 Minuten vor dem Start annulliertem Flug und der eigenwilligen Informationspolitik der portugiesischen Fluggesellschaft TAP.

Immerhin, nach 22 Stunden waren wir am Ziel und hatten noch einen ganzen Tag Zeit, uns auf die hoffentlich bevorstehende Meisterfeier vorzubereiten. Es war einiges los in der portugiesischen Hauptstadt, die gerade im Mai von Städteurlaubern regelrecht geflutet wird. Obendrein war der Papst zu Besuch im nur 130 Kilometer entfernten Wallfahrtsort Fátima, der Westrand Europas war demnach am vergangenen Wochenende der falsche Ort für alle, die die Einsamkeit schätzen.

Am Samstag vertrauten wir wie gewohnt auf die entspannende Wirkung eines morgendlichen Strandspaziergangs. Zum Mittagessen waren wir zurück in der Stadt, bei gegrillten Kalbskoteletts und einer netten Flasche Rotwein wurden wir von Minute zu Minute optimistischer. Die Partie gegen Guimarães würde das elfte Spiel von Benfica sein, das wir in dieser Saison im Stadion verfolgen. Beim historischen Titelgewinn mit dabei zu sein, wäre der überreiche Lohn für all die Reisen und das viele Geld, dass unsere Vereinsliebe auf tausende Kilometer Distanz kostet.

Zwei Stunden vor dem Anpfiff herrschte bereits ordentlich Betrieb rund um das Estádio da Luz. Kaum waren wir der U-Bahn entstiegen, fuhr der Mannschaftsbus der Adler an uns vorbei. Für mich der vielleicht bewegendste Moment des ganzen Tages. Wer seinem Verein über weite Strecken hinterher reist, kennt diese Mischung aus Euphorie und Stolz, einfach mit dabei sein zu dürfen.

Mit dem obligatorischen Sagres in der Hand schafften wir es trotz des dichten Gewühls vor dem Stadion noch, unsere Namenstafel am Praça dos Heróis - dem "Platz der Helden" - zu besuchen. Damit hatten wir alles getan, was von unserer Seite aus für einen Sieg getan werden konnte. Den Rest musste jetzt die Mannschaft von Trainer Rui Vitória richten.

Und sie richtete es, und noch dazu auf eine Weise, wie sie in dieser Spielzeit nur selten zu sehen war. Benfica war spätestens seit Januar eher in Richtung Meisterschaft gestolpert denn geschritten. Es gab mühsame Arbeitssiege, dazu vier Unentschieden und eine Auswärtsniederlage in Setúbal. Doch am Samstag überrollte eine rote Lawine die Gäste aus Nordportugal. Bereits nach einer Viertelstunde führten die Adler mit 2:0, zur Halbzeit stand es 4:0. Die zweite Hälfte war ein Schaulaufen der Tetracampeões, die bereits vom begeisterten Publikum im ausverkauften Estádio da Luz gefeiert wurden.

Nach dem Schlusspfiff blieb eine Menge Zeit zum Feiern, bis schließlich Kapitän Luisão den Meisterpokal in Empfang nehmen konnte. Verteidiger Eliseu drehte noch immer auf einer Vespa seine Runden um das Spielfeld, als bereits viele Fans auf dem Weg zum Marquês de Pombal waren, wo traditionell die zentrale Meisterparty steigt. Am Ende sollen nach Schätzungen der Polizei rund 200.000 Menschen vor Ort gewesen sein, als die Mannschaft weit nach Mitternacht dort eintraf.

Wir saßen zu dieser Stunde schon lange im Restaurant Coelho da Rocha im Kreis unserer Freunde, mit denen wir jedes Heimspiel von Benfica ausklingen lassen, so wir denn in Lissabon sind. Neben vielen kleinen Leckereien gönnten wir uns zur Feier des geschichtsträchtigen Ereignisses ein paar Langusten und ein göttliches Chuletón, das gut drei Kilo auf die Waage brachte.

Am übernächsten Sonntag trifft Benfica im Pokalendspiel erneut auf das Team von Vitória Guimarães, das dann sicher ein ganz anderes Gesicht zeigen wird. Das Double wäre der krönende Abschluss einer ebenso schweren wie großartigen Saison.

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SL Benfica - Vitória Guimarães 5:0
Samstag, 13. Mai 2017, 18.15 Uhr
Estádio da Luz, 64.591 Zuschauer
Torschütze: 1:0 Cervi (11.), 2:0 Raúl (16.), 3:0 Pizzi (37.), 4:0 Jonas (43.), 5:0 Jonas (67. FE)
















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