9. März 2017

Angst essen Seele auf

Gestern um diese Zeit war die Welt noch in Ordnung. Nach dem etwas glücklichen 1:0 im Hinspiel vor drei Wochen reiste Benfica mit der nicht völlig unbegründeten Hoffnung nach Dortmund, wie im Vorjahr das Viertelfinale der Champions League zu erreichen.

Auf unserer verregneten Fahrt ins Ruhrgebiet war die Ausgangslage klar: ein Auswärtstor musste her, denn dass die Adler 90 Minuten im Signal-Iduna-Park ohne Gegentor überstehen würden, mochte keiner so recht glauben.

Zwei Stunden vor dem Anpfiff sind wir in Dortmund und finden direkt vor dem Stadion einen Parkplatz. Sieben Euro Parkgebühr sind zwar happig, aber so viel Luxus allemal wert, dachten wir zu dieser frühen Stunde und machten uns frohen Mutes auf den kurzen Weg ins Stadion.

Aus gutem Grund zählt das frühere Westfalenstadion zu den Fußballtempeln des alten Kontinents. Die Ränge sind ebenso steil wie Ehrfurcht erweckend, die Menschen auf den Tribünen sind Fans und keine Kunden. Das Spiel von der Kurve links neben der Südtribüne aus zu verfolgen, hätte mir unter anderen Umständen einen unvergesslichen Abend beschert. Wenn man es aber mit dem Gegner der Borussen hält, hat dieser Standort stimmungstechnisch natürlich seine Nachteile. So weit oben unter dem Dach saßen wir dazu, dass die Perspektive an den Blick aus einem Flugzeug erinnerte. Den uns genau gegenüberliegenden Gästeblock konnten wir zwar hören, aber nicht sehen.

Trotzdem war ich froh, überhaupt mit dabei sein zu können, denn Tickets sind beim BVB ein rares Gut. Und ganz alleine waren wir auch nicht, immer wieder lugte in unserem Block ein rotes Trikot oder ein Schal der Adler unter den warmen Winterjacken der Benfiquistas hervor, die aus halb Europa nach Dortmund gereist waren.

Spätestens nach der Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellungen war klar, dass Rui Vitória nicht in die Bierstadt gekommen war, um ein Fußballfeuerwerk abzubrennen. Der Benfica-Coach verzichtete auf dynamische Antreiber wie Rafa oder Zivkovic und setzte statt dessen auf die defensiven Handwerker André Almeida und Samaris. Fast scheint es ein Naturgesetz zu sein, dass Benfica Angst vor der eigenen Courage bekommt, sobald es international und noch dazu auswärts um die dicken Würste geht.

Eine Rechnung, die wieder einmal nicht aufging, denn nur vier Minuten nach dem Anpfiff war der knappe Vorsprung aus dem Hinspiel schon dahin. Es folgten bange Minuten, bis die Adler das Geschehen besser in den Griff bekamen und bis zur Pause ein gleichwertiger Gegner waren.

Zu Beginn des zweiten Durchgangs hatte Cervi den so wichtigen Auswärtstreffer auf dem Fuß, doch danach rollte Angriff um Angriff der Hausherren auf das Tor von Benfica zu. Dreimal konnte Keeper Ederson glänzen, bis nach einer Stunde zwei Treffer binnen drei Minuten alle Hoffnungen auf ein Weiterkommen zerstörten. Die Abwehr von Benfica zeigte Auflösungserscheinungen, der vierte Treffer des Abends kurz vor dem Ende besiegelte das Aus in der Champions League.

Zweifellos steht der BVB völlig verdient im Viertelfinale. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sich Benfica wieder einmal ein Stück weit selbst geschlagen hat. 4:0 hätte man jedenfalls auch mit wehenden Fahnen untergehen können.

Klar wurde gestern aber auch, dass es dem Kader von Benfica natürlich an Qualität fehlt, wenn es gegen die ganz großen Jungs im europäischen Fußball geht. Um finanziell halbwegs mitzuhalten, sind die Adler Saison um Saison gezwungen, ihre Besten zu verkaufen und die Mannschaft in Teilen neu zu formieren.

In den letzten drei Jahren verließen Spieler wie Renato Sanches, Gonçalo Guedes, Nico Gaitán, André Gomes, Bernardo Silva, Ezequiel Garay, Enzo Pérez oder Jan Oblak das Estádio da Luz. Mit einem Transferüberschuss von 332 Millionen Euro in den letzten drei Spielzeiten liegt Benfica in Europa einsam an der Spitze.

In der K.o.-Phase der Königsklasse zahlen die Adler regelmäßig den Preis für diese nicht ganz freiwillige Politik, denn Benfica ist wirtschaftlich betrachtet zu groß für Portugal aber zu klein für die europäische Spitze.

All das zu besprechen blieb gestern noch viel Zeit, denn nach dem Spiel lernten wir die Kehrseite unseres privilegierten Parkplatzes kennen. Erst geschlagene zwei Stunden nach dem Abpfiff konnten wir das Gelände verlassen, von dem sich die Autos durch die schmale und verwinkelte Ausfahrt in Richtung Straße quälten.

Als ich kurz vor vier Uhr morgens endlich im Bett lag, war ich innerlich wieder so weit gefestigt, mich auf die kommende Saison der Champions League zu freuen. Bis dahin gibt es für Benfica den historischen vierten Meistertitel in Folge und obendrein den portugiesischen Pokal zu gewinnen.

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Borussia Dortmund - SL Benfica 4:0
Mittwoch, 8. März 2017, 20.45 Uhr
Signal-Iduna-Park, 65.849 Zuschauer

Torschützen: 1:0 Aubameyang (4.), 2:0 Pulisic (59.), 3:0 Aubameyang (61.), 4:0 Aubameyang (85.)






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