4. März 2017

Kevins schweres Kreuz

Ob Donald Trump oder Sarah Lombardi. In einer Endlosschleife geistern die immer gleichen Namen durch die Gazetten. So auch Kevin Großkreutz. Der 28 Jahre alte Pöhler aus Dortmund ist Stammgast in den Schlagzeilen.

In eine Hotellobby hat er gepinkelt, mit Döner geworfen, und jetzt mitten in der Nacht im an sich beschaulichen Stuttgart ganz offensichtlich auf die Fresse bekommen. All das begleitet von einer gehörigen Portion öffentlicher Erregung.

Es ist also keine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Kevin Großkreutz ist ein Wiederholungstäter, die geneigte Öffentlichkeit weiß um wen es geht. Fast jeder hat eine Meinung, egal auf welch schmalem Fundament sie gründet.

Kritische Geister werfen ihm vor, dass man als Erwachsener und hoch bezahlter Fußballprofi nicht mit Nachwuchsspielern nachts um die Häuser zieht und sich dann auch noch prügelt. Für sie ist Großkreutz seiner Vorbildfunktion wieder einmal nicht gerecht geworden.

Seine Fans lieben ihn genau dafür. Er ist einer von ihnen. Einer, der sich noch nicht in der spaßfreien politischen Korrektheit verloren hat. Schließlich haben selbst Kaiser Franz und Bomber Müller in Zeiten, die heute oft als „Tradition“ verklärt werden, den Überlieferungen nach ab und an nicht immer jugendfrei die Puppen tanzen lassen.

Beschauliche Zeiten waren das, in denen sich „Stars“ ganz ohne Bürgerreporter und minütlich aktualisierten Medien daneben benehmen konnten. Was in Malente passierte, blieb weitestgehend in Malente. In England wurde in diesen mystischen Zeiten von Montag bis Donnerstag gesoffen und gehurt, freitags ein bisschen trainiert und am Wochenende der Gegner vom Rasen gegrätscht.

Es ist müßig, diesen Zeiten nachzutrauern, denn sie sind vorbei. Gute Spieler - um nicht mehr und nicht weniger handelt es sich bei Kevin Großkreutz - kassieren heute Gagen, von denen Fußballgötter wie George Best in ihren Glanztagen nicht zu träumen wagten. Die Profis sind freiwillig Teil eines Pakts, in dem öffentliches Interesse ein fürstliches Gehalt garantiert.

Irgendwo inmitten dieses Zeitenwechsels ist Kevin aus Dortmund auf der Strecke geblieben. Ich habe das Video der Pressekonferenz, die Großkreutz in Stuttgart gegeben hat oder geben musste, kaum ansehen können. Warum gab es niemanden, der diesen jungen Mann irgendwann in den Arm genommen und vom Podium geführt hat? Einen junger Mann, der um Fassung und Worte ringt, die er ganz offensichtlich nicht finden konnte, so sehr er es wahrscheinlich wollte.

Ob die Entlassung von Großkreutz berechtigt war, kann und will ich nicht beurteilen. Seine öffentliche Zurschaustellung war unwürdig und abstoßend. Sie schadet dem Fußball mehr, als es RB Leipzig je könnte. Was sie für den Mensch Kevin Großkreutz bedeutet, möchte ich mir nicht vorstellen.


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