4. Dezember 2016

Sonntags im Pina Manique

Selbst in Portugal scheint nicht immer die Sonne. Seit Freitag schüttet es in Lissabon wie aus Kübeln. In den Straßen schaukelt die Weihnachtsbeleuchtung im Atlantikwind und kämpft einen stillen Kampf gegen den grauen Regenschleier, der sich über die Stadt gelegt hat.

Entsprechend leer ist am Sonntag die Buslinie 711, die mich zum Estádio Pina Manique bringt. Das halbe Land sitzt zu dieser Stunde mit einer guten Flasche Rotwein am Mittagstisch und freut sich auf die anschließende Siesta. Doch wer sich trotzdem auf die Straße wagt, wird belohnt. Zaghaft kämpfen sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Als ich am Stadion ankomme ist der Himmel beinahe wieder so blau, wie es die Tourismuswerbung verspricht.

Fast ein wenig erschrocken blickt mich der betagte Herr im Kassenhäuschen an, als ich nach einer Eintrittskarte frage. Welcher Sektor es denn sein darf, möchte er wissen. Eine Frage, auf die ich keine Antwort habe, denn ich bin zum ersten Mal im Pina Manique. Ob ich denn zu Casa Pia oder zu Oriental halten würde, lautet seine nächste Frage, die ich mir selbst noch garnicht gestellt habe. Dass ich mich für die Heimmannschaft entscheide, wird mit einem wohlwollenden Kopfnicken quittiert. Statt eines regulären Tickets für acht Euro bekomme ich ein Mitgliederbillet für drei Euro und darf auf der Haupttribüne Platz nehmen, die eigentlich den Sócios von Casa Pia vorbehalten ist.

Doch zuvor plagt mich der Hunger, schließlich habe ich mich ohne Mittagessen auf den Weg gemacht. Da trifft es sich gut, dass in einer Blechhütte neben der Tribüne eine kleine Bar untergebracht ist. Von den beiden ebenso beleibten wie gut gelaunten Kollegen hinter der Theke werde ich bestens versorgt. Für zwei Bier, ein Schnitzelbrötchen und einen Espresso zahle ich 4,80 Euro. Im Preis inbegriffen ist in meinem Kaffee "gegen die Kälte" ein ordentlicher Schuss Schnaps, den mir der fürsorgliche Wirt spendiert.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Portugiesen Temperaturen unterhalb der 20-Grad-Marke grundsätzlich als winterlich empfinden. Zwischen November und Februar begrüßt man sich in aller Regel mit einem kurzen "está frio!" ("es ist kalt!"). Gegen die meteorologischen Widrigkeiten wappnen sich vor allem ältere Semester mit Kleidungsstücken, die man in unseren Breitengraden trägt, falls das Thermometer deutlich unter null sinkt. Dementsprechend gehöre ich heute bei 17 Grad mit meiner dünnen Regenjacke eher in den Kreis der wunderlichen Exoten.

Darüber, dass im portugiesischen Fußball jenseits der großen Klubs Benfica, Sporting und Porto so manches anders ist, habe ich hier im Blog schon des öfteren erzählt. Der Drittligist Casa Pia macht da keine Ausnahme. Neuzeitliche Errungenschaften wie Sponsoren oder Werbedurchsagen sind hier unbekannt. Vor dem Anpfiff krächzt flotte Musik durch die betagten Lautsprecher, dann werden die Mannschaftsaufstellungen verlesen und schon kann es losgehen.

Eine einzige Spielzeit trat der 1920 gegründete Casa Pia Atlético Clube bislang in der ersten Liga an. 1938 war das, im Gründungsjahr der Liga. Das Estádio Pina Manique im Stadtteil Boavista wurde 1954 eingeweiht. Neben der kleinen Haupttribüne mit fünf Sitzreihen wurde zu beiden Seiten Stehränge errichtet, auf der Linken sind die Auswärtsfans untergebracht. Da heute ein Stadtderby auf dem Spielplan steht, ist der Zuschauerzuspruch mehr als ordentlich. Etwa 50 Orientalistas unterstützen ihr Team, das in der vergangenen Saison noch eine Klasse höher spielte.

Die 3. Liga ist in Portugal in acht Staffeln zu je zwölf Mannschaften unterteilt, nach der Gruppenphase geht es weiter in getrennten Wettbewerben um Auf- und Abstieg. Casa Pia und Oriental sind als Fünfter und Sechster Tabellennachbarn, obwohl sie acht Punkte trennen. So können sich bereits nach elf Spieltagen nur noch die Gastgeber realistische Hoffnungen auf die Teilnahme an den Play-offs um den Aufstieg machen.

Dem entsprechend bestimmen die ganz in Schwarz spielenden Jungs von Casa Pia in der Anfangsphase das Geschehen, zumindest soweit das heute ebenen möglich ist. Die Sintfluten der letzten Tage haben das Spielfeld unter Wasser gesetzt, kaum ein flach gespielter Ball schafft es weiter als einen Meter. Der beim Anpfiff noch ansehnliche Rasen gleicht schon nach wenigen Minuten einem frisch gepflügten Acker, bei jeder Grätsche spritzen fröhliche Wasserfontänen.

Nach 13 Minuten gehen die Hausherren durch einen Distanzschuss in Führung und behaupten den knappen Vorsprung bis zum Pausenpfiff. Im zweiten Durchgang drängt Oriental auf den Ausgleich, der eine Viertelstunde vor dem Ende auch fällt. Wenig später vergeben die Gäste einen Foulelfmeter, die Partie ist jetzt hektisch.

Nicht zu beneiden ist der Unparteiische, der auf dem zunehmend schwerem Geläuf seine liebe Not hat, zwischen fairem Einsatz und Foul zu unterscheiden, zumal beide Teams mit ordentlich Schaum vor dem Mund kämpfen. Fast mit dem Schlusspfiff fällt der Siegtreffer für Casa Pia, das durch diesen Erfolg seine Aufstiegschancen wahrt.

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Casa Pia Atlético Clube - Clube Oriental de Lisboa 2:1
Sonntag, 4. Dezember 2016, 15 Uhr
Estádio Pina Manique, ca. 150 Zuschauer






















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