6. November 2016

Geisterstunde am Nachmittag

Die Woche begann mit einer Überraschung bei der mit viel Spannung erwarteten Mitgliederversammlung der Kickers am Montag:

Mit den Worten "Wir wollen keine Satzungsänderung" kassierte Vize Relic die zuvor vom Präsidium selbst beantragte Zwangsumlage für die OFC-Mitglieder und vollzog damit eine Kehrtwende um 180 Grad. Zu groß waren wohl nach den zum Teil heftigen Reaktionen im Vorfeld die Bedenken der Kickersbosse, mit ihrem Antrag zu scheitern.

Nun sollen wieder einmal Spenden dazu beitragen, die Schuldenlast zu mindern, die noch immer schwindelerregende 4,4 Millionen Euro beträgt. Sie könnte um 900.000 Euro gesenkt werden, falls die dafür benötigten 85.000 Euro zusammen kommen. Das wäre sicher ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch kein Anlass zur Euphorie.

Dass der OFC in einer Pressemitteilung davon spricht, der Klub könne damit "endgültig auf gesunde Füße" gestellt werden, scheint mir jedenfalls sehr optimistisch. Denn noch immer bleiben dann 3,6 Millionen Verbindlichkeiten, die eines Tages bedient werden müssen. Da hilft es wenig, dass diese Schulden auf die GmbH übertragen werden sollen, die erst vor kurzem mit Ach und Krach um die zweite Insolvenz binnen drei Jahren herumgekommen ist. Wie gewaltig die Summe ist, zeigt ein Blick auf den Gesamtetat, der gerade einmal 2,6 Millionen pro Jahr beträgt.

Darüber, wie es aktuell um die GmbH bestellt ist, war am Montag leider nur sehr wenig zu erfahren. Der Bericht des Geschäftsführers entfiel krankheitsbedingt und auch über die Ursachen der zweiten Insolvenzanmeldung gab es kaum Neues, denn noch immer wird am endgültigen Wortlaut des Prüfberichts gefeilt.

Losgelöst von der Aufarbeitung der finanziellen Misere gibt es in jeder Hinsicht viel zu tun für den neuen Geschäftsführer Christopher Fiori, der heute sein erstes Heimspiel auf dem Bieberer Berg erlebte. Dass der 36-jährige im Hinterkopf hat, den OFC wieder zur Nummer zwei in Hessen zu machen, ist aller Ehren wert. Persönlich fehlt mir dieser Tage die Vorstellungskraft, wie das funktionieren soll.

Als Fazit des glücklichen Unentschiedens gegen die U23 des VfB Stuttgart zum Ende der Hinrunde bleibt, dass die Kickers als Tabellensiebzehnter gegen den Abstieg in die Oberliga Hessen kämpfen. Sie sind am 6. November 2016 in Hessen die Nummer acht. Hinter den Bundesligisten aus Frankfurt und Darmstadt, hinter dem FSV Frankfurt und Wehen Wiesbaden, hinter dem TSV Steinbach, Hessen Kassel und Teutonia Watzenborn-Steinberg.

Wer heute auf dem Bieberer Berg mit von der Partie war, wurde Zeuge eines gespenstischen Nachmittags, zu dem nicht nur die in weiten Strecken blutarme Vorstellung der Mannschaft beitrug. Auch auf den wieder nur spärlich besetzten Rängen herrschte eine Stimmung, die so in Offenbach bislang eigentlich unbekannt war. Nach dem Führungstreffer der Gäste wurde es auf Biebers Höhen so still, dass wir uns nur noch im Flüsterton unterhielten. Kaum jemand schimpfte, kaum jemand ärgerte sich, kaum jemand feuerte den OFC noch an.

Sicher, ein Heimsieg am kommenden Samstag gegen Wormatia Worms, und schon könnte die Kickerswelt wieder ein wenig freundlicher aussehen. Aber die prekäre Wirtschaftslage, zehn Punkte aus den letzten neun Begegnungen und eine Stimmung im Stadion, die zwischen Resignation und Gleichgültigkeit schwankt, geben Anlass zur Sorge.

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Kickers Offenbach - VfB Stuttgart II 2:2
Sonntag, 6. November 2016, 14 Uhr
Sparda-Bank-Hessen-Stadion, 4.315 Zuschauer

Torschützen: 1:0 Scheu (8.), 1:1 Sonora (59.), 1:2 Breier (64.) 2:2 Neofytos (86.)

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