14. September 2016

Stolperstart in die Königsklasse

Fünf Monate sind vergangen seit dem letzten Auftritt von Benfica in der Champions League. Eine rauschende Ballnacht war das seinerzeit, nach dem 2:2 im Estádio da Luz schieden die Adler im Viertelfinale nur knapp gegen den FC Bayern aus.

Es ist mittlerweile schon zur Tradition geworden, dass ich beim ersten Gruppenspiel der neuen Saison im Benfica-Stadion mit von der Partie bin. Diesmal noch dazu mit dem ganz besonderen Gefühl, zum ersten Mal meinen neuen Stammplatz einzunehmen, denn für diese Spielzeit haben sich meine bessere Hälfte und ich Dauerkarten für die Kathedrale des portugiesischen Fußballs gegönnt.

Um die Wartezeit auf den Anpfiff zu verkürzen, machte ich mich schon zur Mittagszeit auf den Weg. Nicht direkt ins Estádio da Luz, sondern nach Seixal. Dort, am Südufer des Tejo, hat Benfica fast auf den Tag genau vor zehn Jahren die Caixa Futebol Campus eröffnet. Ein Trainingszentrum, in dem es praktisch an nichts fehlt. Auf 15 Hektar Gelände steht dort ein Stadion mit 2.700 Sitzplätzen, in dem die B-Mannschaft der Adler ihre Heimspiele in der Zweiten Liga austrägt. Hinzu kommen fünf Trainingsplätze, ein Hotel für Profis und Nachwuchs mit 190 Betten, Fitnessräume, Schwimmbäder, Restaurants und sogar ein Studio für den vereinseigenen Fernsehsender.

Ohne Auto ist die Caixa Futebol Campus am besten mit der Fähre zu erreichen. Vom Zentrum der Hauptstadt dauert die Überfahrt über den majestätischen Tejo in Richtung Süden eine gute Viertelstunde. Rund um den Hafen von Seixal erinnert noch heute die eine oder andere in die Tage gekommene Werftanlage daran, dass die Region einst ein bedeutender Standort für den Schiffsbau war. Kurz vor dem Ziel führt der Weg vorbei an einem alten Fußballplatz, der die Herzen aller Liebhaber der "Lost Grounds" höher schlagen lässt. Er ist auch das Titelfoto zu diesem Beitrag.

Trotz der frühen Mittagsstunde hatten sich am Trainingsgelände erstaunlich viele Benfiquistas eingefunden. Denn schon um 15 Uhr ertönte der Anpfiff zur Begegnung der UEFA Youth League, bei der sich die U19-Teams von Benfica und Besiktas gegenüber standen. Am Ende dürften es mehr als tausend Zuschauer gewesen sein, die das torlose Unentschieden der beiden Nachwuchsmannschaften miterlebten.

Nach dem Schlusspfiff ging es zurück mit der Fähre nach Lissabon und dann weiter mit der Metro zum Estádio da Luz. Etwa 90 Minuten vor Spielbeginn konnten wir liebe Freunde aus der Algarve in die Arme schließen, die eigens für diese Begegnung in die Hauptstadt gekommen waren. Es blieb noch genügend Zeit für ein paar Sagres, bevor wir endlich voller Stolz unsere neuen Stammplätze in Besitz nahmen.

Die Gruppe B der Champions League mit Benfica, dem SSC Neapel, Dynamo Kiew und Besiktas Istanbul mag auf den ersten Blick etwas unspektakulär erscheinen, dürfte die Teams aber vor einige schwere Aufgaben stellen. So hat Besiktas einen Kader zu bieten, in dem mit dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Andreas Beck, Adriano vom FC Barcelona, Gökhan Inler von Leicester City, Vincent Aboubakar vom FC Porto oder dem portugiesischen Internationalen Ricardo Quaresma klangvolle Namen stehen. Zudem hatte der türkische Meister wenige Tage vor dem Ende der Transferperiode Anderson Talisca von Benfica ausgeliehen.

Benfica wird seinerseits von großen Verletzungssorgen geplagt. Mit Jonas, Raúl und Mitroglou fielen sämtliche Stürmer aus, der für 17 Millionen verpflichtete Rafa Silva verletzte sich gleich bei seinem Debüt und wird voraussichtlich vier Wochen fehlen. Auch auf den erfahrenen Innenverteidiger Jardel und Neuzugang Danilo musste Trainer Rui Vitória verzichten.

Besiktas kam besser in die Partie und versuchte Benfica mit schnellen Angriffen zu überraschen. Bald schon wendete sich jedoch das Blatt, die Adler standen jetzt besser und gingen in der 12. Minute nach ihrem ersten gefährlichen Angriff durch Franco Cervi in Führung.

Der portugiesische Rekordmeister bestimmte darauf das Geschehen, während die Gäste abwartend agierten und auf Konterchancen warteten. Ricardo Quaresma, der bei jeder Ballberührung von einem Pfeifkonzert begleitet wurde, prüfte den wiedergenesenen Keeper Ederson, der in den Pokalwettbewerben anstelle von Julio César zwischen den Pfosten steht.

Im zweiten Durchgang gab es Chancen auf beiden Seiten, mit zunehmender Spielzeit bekam Besiktas die Partie aber immer besser in den Griff. Die Adler musste ihrem hohen Tempo Tribut zollen und versuchten, den knappen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit angelte Gonçalo Guedes dann Quaresma den Ball vom Fuß, scheiterte aber frei vor dem Tor am türkischen Schlussmann. Statt des spielentscheidenden zweiten Treffers gab es in der letzten Minute der Nachspielzeit noch einen direkten Freistoß für Besiktas. Talisca schnappte sich den Ball und zirkelte ihn unhaltbar für Ederson in die Maschen. Es ist schon eine besondere Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Spieler, der noch vor wenigen Wochen das Trikot der Adler getragen hatte, Benfica den ersten Heimsieg in der Königsklasse kostete.

Ein bitterer Abend für die arg gebeutelte Mannschaft von Rui Vitória, in der gestern gleich sieben Spieler unter 23 standen. Hoffen wir, dass die gestern in letzter Sekunde verlorenen Punkte nicht in der Endabrechnung fehlen werden.

Weiter geht es für Benfica am kommenden Montag, wenn Sporting Braga zum Spitzenspiel ins Estádio da Luz kommt.

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SL Benfica - Besiktas Istanbul 1:1
Dienstag, 13. September 2016, 19.45 Uhr
Estádio da Luz, 42.126 Zuschauer

Mannschaftsaufstellung Benfica: Ederson, Nélson Semedo, Lisandro López, Victor Lindelöf, Álex Grimaldo, Ljubomir Fejsa (88. Celis), André Horta, Pizzi, Toto Salvio, Gonçalo Guedes, Franco Cervi (70. Samaris)

Torschützen: 1:0 Cervi (12.), 1:1 Talisca (94.)










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