21. Juli 2016

Im Vorzimmer der Königsklasse

Während sich die Stars des europäischen Fußballs noch von den Strapazen der EM erholen, hat in der Champions League längst die neue Saison begonnen. Beim Turnier in Frankreich war Ende Juni gerade das Achtelfinale gespielt, als auch schon wieder die Qualifikation zur Königsklasse startete. Eine achtwöchige Knochenmühle mit vier K.o.-Runden, an deren Ende zehn der insgesamt 58 beteiligten Teams ein Ticket für die Gruppenphase winkt.

In den Rückspielen der 2. Runde mussten in dieser Woche bereits illustre Namen wie Celtic Glasgow, Roter Stern Belgrad oder Ferencváros Budapest ihre Chancen wahren, in dieser Spielzeit auf der ganz großen europäischen Bühne auftreten zu dürfen.

In Dudelange standen sich gestern zwei Klubs gegenüber, die wir im kommenden Mai wahrscheinlich nicht im Finale von Cardiff wiedersehen werden. Trotzdem zeigt die Partie zwischen dem luxemburgischen Meister F91 Diddeleng und FK Qarabağ aus Aserbaidschan sehr schön die Gigantomanie einer Champions League, die pro Spielzeit nicht nur Gesamteinnahmen von mehr als 1,5 Milliarden Euro generiert. Schon in der Qualifikation sind gewaltige Distanzen zurückzulegen: 3.536 Kilometer Luftlinie trennen die beiden Klubs, die im beschaulichen Dudelange aufeinander trafen, das von seinen 20.000 Einwohnern Diddeleng genannt wird. Im Vergleich zu den Gästen aus Aserbaidschan lag das Stade Jos Nosbaum für uns also praktisch um die Ecke.

Weil man in Luxemburg nicht nur Fußball schauen, sondern auch gut speisen und nebenbei noch etwas für die Kultur tun kann, starteten wir schon früh Richtung Südwesten und absolvierten in der Hauptstadt des Großherzogtums trotz brütender Hitze ein kleines Besichtigungsprogramm, bevor es am Nachmittag weiter in den Heimatort des Landesmeisters ging.

In Dudelange deutete zunächst nichts darauf hin, dass hier und heute auch Fußball gespielt werden sollte. Erst an der Zufahrt zum oberhalb der Ortschaft gelegenen Stadion dann eine Durchfahrtssperre, die von einem freundlichen Herren bewacht wurde. Der erklärte uns den Weg zum Parkplatz vor einem nahe gelegenen Einkaufszentrum und wies auch gleich noch auf einen besonderen Service hin: Um den Zuschauern den mühseligen Aufstieg zur Spielstätte zu ersparen, pendelt ein Minibus mit dem schönen Namen "Navette F91" zwischen Parkplatz und Stadion.

Da wir noch reichlich Zeit hatten, gingen wir die zehn Minuten dann aber doch zu Fuß und bestaunten unterwegs die vielen portugiesischen Namen an den Briefkästen. Immerhin ein Drittel der Bevölkerung in Luxemburg stammt aus der Heimat des frisch gebackenen Europameisters, an vielen Fassaden weht noch immer die Fahne Portugals.

Der Andrang an den Kassenhäuschen hielt sich in überschaubaren Grenzen. Für 25 Euro bekamen wir Tickets für die kleine überdachte Haupttribüne, eine charmante Holzkonstruktion mit Wellblechdach und fünf Sitzreihen. Auch sonst ging es ausgesprochen entspannt zu. Als ich am Eingang meine Fototasche öffnen will, winkt der Ordner lachend ab. Und weil sich Zuschauer und Spieler eine gemeinsame Toilette teilen, bietet sich die wohl einmalige Gelegenheit, Schulter an Schulter mit echten Champions League-Spielern sein Geschäft zu verrichten.

Da das Stade Jos Nosbaum mit zwei Sitztribünen an den Geraden auskommt, ist hinter einem der beiden Tore eine Flaniermeile entstanden, die kaum einen Wunsch unerfüllt lässt. Eine betagte Turnhalle dient als VIP-Raum, dazu findet der geneigte Besucher hier Toiletten, einen Getränkekiosk, den Würstchengrill und einen sehenswerten Fan-Shop.

Nachdem wir mit Kaltgetränken und einer Stadionwurst unsere Lebensgeister reanimiert hatten, war es an der Zeit, unsere Plätze einzunehmen. Bevor es richtig losging eine kleine Enttäuschung, denn anders als von uns erhofft, wurde vor dem Anpfiff nicht die Hymne der Königsklasse gespielt. Die hätten sich die Akteure allemal verdient gehabt.

Der Meister aus Aserbaidschan hatte das Hinspiel mit 2:0 gewonnen und vermittelte in der Anfangsphase den Eindruck, dass zwischen beiden Teams ein echter Klassenunterschied besteht. Druckvoll und technisch ansprechend ging es nach vorn, allein Torchancen blieben Mangelware. Nach und nach kämpften sich die Hausherren ins Spiel, konnten aber einen Foulelfmeter kurz vor der Halbzeit nicht zur Führung nutzen, die zu diesem Zeitpunkt allerdings unverdient gewesen wäre.

Nicht nur die Akteure auf dem Rasen brauchten nach schweißtreibenden ersten 45 Minuten eine Erholungspause, auch uns klebte schon wieder die Zunge am Gaumen. So warm war es, dass meine Begleitung ihre Sandalen auf der Tribüne zurückließ und barfuß den Gang zum Bierstand antrat. Zurück auf unseren Plätzen konnte sie feststellen, dass ein anonymer Sitznachbar ihre Abwesenheit genutzt hatte, um die Riemen ihrer Sandalen säuberlich miteinander zu verbinden. Auf diese Weise wuchs zusammen, was so eng eigentlich gar nicht zusammen gehört.

Mitte des zweiten Durchgangs deutete vieles auf ein torloses Unentschieden hin. Dem luxemburgischen Meister fehlten die Mittel, die Gäste wollten eigentlich nicht mehr als das Remis. Als aber F91 eine gute Viertelstunde vor dem Ende doch noch der Führungstreffer gelang, nahm die Partie mächtig Fahrt auf. In der Schlussphase kam das Team von Trainer Dino Toppmöller zu zwei hochkarätigen Chancen, die eine Verlängerung bedeutet hätten. Statt dessen erzielte Qarabağ in der Nachspielzeit den Ausgleich, der von etwa 50 Fans im Gästeblock euphorisch gefeiert wurde. Eigentlich dumm, dass die Anhänger aus Aserbaidschan ihre zwei Bengalos schon vorher abgebrannt hatten.

Für F91 Diddeleng ist die Champions League-Saison damit zu Ende. Der FK Qarabağ trifft in der 3. Qualifikationsrunde auf den tschechischen Meister Viktoria Pilsen.

--
F91 Diddeleng - FK Qarabağ Ağdam 1:1
Mittwoch, 20. Juli 2016, 18 Uhr
Stade Jos Nosbaum, 891 Zuschauer

Torschützen: 1:0 N'Diaye (71.), 1:1 Reynaldo (94.)


























Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen