22. Mai 2016

Wechselspiele

Die Spielzeit ist kaum beendet, schon schießen die Gerüchte über mögliche Transfers bei Benfica ins Kraut. Nicht umsonst erscheinen am Westrand Europas drei Tageszeitungen, die sich ausschließlich mit Fußball beschäftigen.

Wenn es darum geht, sieben Mal pro Woche täglich mehr als 60 Seiten zu füllen, wird aus einer leichten Grippe schnell mal ein tödlicher Virus. Und natürlich widmen die portugiesischen Fachblätter Benfica als dem mit Abstand größten Verein des Landes ihre ganz besondere Aufmerksamkeit.

Fest steht, dass das Personalkarussell im Estádio da Luz auch in dieser Sommerpause kräftig rotieren wird.

Denn auch wenn Benfica bei der Erschließung neuer Einnahmequellen zu den innovativsten Akteuren der globalen Fußballszene zählt, ist der Verein zwingend auf Transferüberschüsse angewiesen, um eine international konkurrenzfähige Mannschaft zu finanzieren. Allein die Erlöse, die sich im kleinen, noch immer krisengebeutelten Portugal aus Zuschauereinnahmen, Sponsoring und Fernsehgeldern erzielen lassen, sind einfach zu gering, als dass man wirtschaftlich mit den großen Namen aus England, Spanien oder Deutschland mithalten könnte.

Die Transfers von Spielern wie Ángel di María, Axel Witsel, David Luiz, Enzo Pérez, Ezequiel Garay, Fábio Coentrão, Jan Oblak, Javi García, Lazar Markovic, Nemanja Matić, Óscar Cardozo oder Ramires haben in den letzten Jahren hunderte Millionen in die Klubkasse gespült, die in die Mannschaft, aber auch in die Infrastruktur des Vereins reinvestiert wurden.

Als erster Abgang steht bereits der erst 18-jährige Mittelfeldmann Renato Sanches fest, der für 35 Millionen Euro zum FC Bayern nach München wechselt. Die Ablösesumme kann durch Bonuszahlungen noch bis auf 80 Millionen steigen. So müssen die Bayern beispielsweise nach 25 Pflichtspieleinsätzen in der kommenden Saison weitere fünf Millionen nach Lissabon überweisen. Abzuwarten bleibt, wie sich der junge Spieler im Ausland zurecht finden wird. Auch wenn alle Fans von Benfica einem ihrer erklärten Lieblinge den Schritt zu einer der Topadressen im Vereinsfußball gönnen, wären ein oder zwei weitere Jahre im Estádio da Luz für die Entwicklung von Renato Sanches nicht hinderlich gewesen.

Sicher scheint auch der Weggang von Nico Gaitán zu sein. Der argentinische Linksaußen kam im Juli 2010 von den Boca Juniors zu Benfica und geht jetzt offenbar für 25 Millionen zu Atlético Madrid. Nach dem Finale des Ligapokals am Freitag hatte der trickreiche Flügelstürmer jedenfalls Tränen in den Augen, ein deutliches Zeichen für seinen Abschied. Zu Gaitáns Nachfolger ist der 23-jährige Rafa Silva vom Meisterschaftsvierten Sporting Braga auserkoren, für den die Adler laut Presseberichten 15 Millionen sowie die Spieler Derley und Marçal bieten.

Alles deutet derzeit zudem darauf hin, dass der routinierte brasilianische Innenverteidiger Jardel vor dem Absprung zu Lazio Rom steht. Als Ersatz ist der Wechsel des ebenfalls 23-jährigen Ricardo Ferreira von Sporting Braga zu Benfica wohl beschlossene Sache, die Ablöse soll fünf Millionen betragen.

Völlig offen ist hingegen, ob die beiden brasilianischen Stürmer Jonas und Talisca auch in der kommenden Saison das Trikot von Benfica tragen. Beiden sollen lukrative Angebote aus China vorliegen. Besonders Jonas, der mit 32 Ligatoren in der abgelaufenen Saison zu den besten Stürmern in Europa zählte, dürfte leider ein heißer Wechselkandidat sein.

Auch die Zukunft von Torhüterikone Júlio César, der seinen Stammplatz aufgrund einer Verletzung während der Saison an Ederson verlor, ist ungewiss. Nach den glänzenden Leistungen des jungen Keepers wird Trainer Rui Vitória den Brasilianer kaum wieder ins zweite Glied setzen. Für einen Ersatztorwart ist der 36-jährige Routinier, der noch einen Vertrag bis 2017 hat, aber eigentlich zu teuer.

Fleißig spekuliert wird über die Zukunft des schwedischen Verteidigers Victor Lindelöf, der erst zu Saisonbeginn nach drei Jahren in Benficas B-Elf in die Meistermannschaft befördert wurde. Spätestens nach seiner Berufung ins EM-Aufgebot der schwedischen Nationalmannschaft sind einige Spitzenklubs auf Lindelöf aufmerksam geworden. So soll Manchester United 20 Millionen Pfund für den 21-jährigen geboten haben, auch Real Madrid, der FC Barcelona, die Bayern sowie die Tottenham Hotspurs werden zum Kreis der Interessenten gerechnet.

In trockenen Tüchern scheint hingegen ein weiteres Jahr von Kostas Mitroglou im Estádio da Luz zu sein. Der griechische Angreifer, der in dieser Saison mit 20 Treffern zweitbester Torschütze der Adler war, verlängerte seinen Kontrakt in der vergangenen Woche bis 2020, seine Ausstiegsklausel beträgt immerhin 45 Millionen Euro.

Last, but not least zeichnet sich ein Transfer ab, der seinen Platz im Kuriositätenkabinett des Fußballs sicher hätte. Im Februar diesen Jahres hatte Benfica André Carrillo von Sporting Lissabon zur Saison 2016/17 verpflichtet und mit einem Vertrag bis 2021 ausgestattet. Der ablösefreie Wechsel des Rechtsaußen schlug seinerzeit hohe Wellen, Sporting suspendierte den peruanischen Nationalspieler für die restliche Saison vom Spielbetrieb. Nun hat aber Manchester United angeblich 25 Millionen für Carrillo geboten. Sollte der Wechsel vollzogen werden, würde Benfica eine beträchtliche Summe für einen Spieler kassieren, der keine Minute das Trikot der Adler getragen hat. Ein glänzendes Geschäft, das beim Erzrivalen Sporting sicher nicht für Heiterkeit sorgen dürfte.

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