21. Mai 2016

Der Star ist der Trainer

Schier grenzenlos war der Jubel, als am vergangenen Sonntag im Estádio da Luz der Schlusspfiff ertönte. Mit einem ungefährdeten 4:1 gegen Nacional da Madeira hatte Benfica das bis zuletzt offene Rennen um die Meisterschaft am letzten Spieltag endgültig zu seinen Gunsten entschieden.

Nun sind solche Erfolge für die Anhänger von Benfica nichts ungewöhnliches, schließlich feierte der portugiesische Rekordmeister an diesem Tag bereits den 35. Titelgewinn.

Trotzdem lag an diesem Nachmittag ein ganz besonderer Glanz auf den Gesichtern der Fans, deren Gemütszustand zwischen Erleichterung und Euphorie schwankte.

Denn anders als in vorangegangenen Spielzeiten hatte man den Titel nicht nur gegen die ewigen Widersacher Sporting und FC Porto gewonnen, sondern vor allem gegen Jorge Jesus. Gegen jenen Trainer also, der die Adler zum Ende der vergangenen Saison nach sechs Jahren Amtszeit mit lautem Getöse verlassen hatte, um ausgerechnet beim Erzrivalen Sporting anzuheuern. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der neue Trainer Rui Vitória ebenso wie Präsident Luís Filipe Vieira klugerweise immer wieder betonten, man spiele gegen niemanden, sondern nur für sich selbst.

Lange Zeit sah es tatsächlich so aus, als würde der im Estádio da Luz nach seinem Wechsel verfemte Übungsleiter den Sporting Clube de Portugal zur ersten Meisterschaft seit 2002 führen. Ein absoluter Alptraum für jeden, der es mit Benfica hält. Satte sieben Punkte betrugt der Vorsprung von Sporting auf Benfica nach 13 Spieltagen, ein nicht nur in der portugiesischen Liga kaum noch aufzuholender Rückstand. Zu allem Überfluss hatte Benfica mit seinem neuen Trainer nicht nur zu Saisonbeginn den Supercup sowie die 4. Pokalrunde gegen Sporting verloren, auch in der Meisterschaft musste man sich Ende Oktober vor heimischem Publikum mit 0:3 geschlagen geben.

Doch gerade diese ultimative Demütigung markierte den Wendepunkt im Titelkampf. Denn die Fans feierten ihr unterlegenes Team nach der Begegnung, als hätte man Sporting gerade vom Platz gefegt. Was war geschehen? Im Gefühl des sicheren Triumphs über seinen alten Klub hatte sich Jorge Jesus, dem auch wohlmeinende Kommentatoren keine sonderlich ausgeprägte emotionale Intelligenz bescheinigen, mehrfach öffentlich über seinen bis dahin glücklos agierenden Nachfolger Rui Vitória lustig gemacht und damit die Reihen bei Benfica fest geschlossen.

Benfica startete eine beispiellose Aufholjagd, die nach der Heimniederlage gegen Sporting verbleibenden 26 Meisterschaftsspiele wurden bis auf eine einzige Ausnahme alle gewonnen. Am 25. Spieltag siegten die Adler durch einen Treffer von Kostas Mitroglou bei Sporting und übernahmen damit die Tabellenführung, die sie bis zum Saisonende nicht mehr hergaben.

So ist der manchmal fast schüchtern wirkende Rui Vitória am Ende seiner ersten Spielzeit als Cheftrainer von Benfica der strahlende Sieger. Unter seiner Leitung gewannen die Adler nicht nur das erste Meisterschaftstriple seit 1977 und stellten einen neuen Punkterekord in der portugiesischen Liga auf. Die teilweise glänzenden Auftritte in der Champions League, in der Benfica erst im Viertelfinale knapp an Bayern München scheiterte, taten ein Übriges, dass der neue Coach nach nur einem Jahr im Estádio da Luz Sympathiewerte genießt, wie nur wenige seiner Vorgänger.

Dass Rui Vitória während der gesamten Saison kein einziges Mal zu den Sticheleien seines Vorgängers Stellung bezog, veranlasste die Tageszeitung "Diário de Notícias", ihn zum sportlichen und moralischen Meister der Spielzeit 2015/16 zu küren. Unvergessen sein Ausspruch "Auf dem Platz gibt es nur einen Sieger. Jenen, der weniger redet und mehr spielt.".

Der überlegene Gewinn des Ligapokals am gestrigen Abend gegen Marítimo (6:2) war der goldene Schlusspunkt zum Ende einer Saison, die lange unvergessen bleiben wird. Mit dem Triple und dem Double im Gepäck verabschieden sich Rui Vitória und seine Spieler um Torschützenkönig Jonas in die Sommerpause.

Auch in diesem Jahr wird Benfica namhafte Abgänge verkraften müssen, so hat Shootingstar Renato Sanches bereits beim FC Bayern unterschrieben, der Abschied von Nico Gaitán scheint unvermeidlich. Doch das exzellente Scouting und die immer mehr Früchte tragende Nachwuchsakademie werden dafür sorgen, dass die Adler auch in der kommenden Spielzeit national wie international ihre Kreise ziehen.


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