29. Oktober 2015

Gonçalo Guedes – Benficas jüngstes Juwel

Sechs Minuten waren am Abend des 30. September im Estadio Vicente Calderón zu Madrid in der zweiten Halbzeit gespielt, als Gonçalo Guedes mit einem Rechtsschuss aus spitzem Winkel der Führungstreffer von Benfica Lissabon bei Atlético Madrid gelang.

Ein Treffer aus der Kategorie „Tor des Monats“ vor mehr als 40.000 Zuschauern, der nicht nur den Reporter des Radiosenders Renascença in Ekstase versetzte, bedeutete er doch obendrein den ersten Auswärtserfolg des portugiesischen Rekordmeisters in Spanien seit 1983. Gleichzeitig avancierte der an diesem Tag gerade einmal 18 Jahre und 275 Tage alte Guedes damit zum jüngsten portugiesischen Torschützen in der Geschichte der Champions League.

Gonçalo Manuel Ganchinho Guedes wurde am 29. November 1996 in der 56 Kilometer nordöstlich von Lissabon gelegenen Kleinstadt Benavente geboren. Schon als Zehnjähriger schloss er sich 2006 der E-Jugend von Benfica Lissabon an und durchlief in der folgenden Dekade sämtliche Nachwuchsmannschaften eines Vereins, der zu den mitgliederstärksten Fußballklubs der Welt zählt.

Auch beim portugiesischen Fußballverband FPF wurde man frühzeitig auf das große Talent des 1,79 Meter großen Außenstürmers aufmerksam, der mit Vorliebe über die rechte Seite angreift. Nach Einsätzen in den U17- und U19-Auswahlmannschaften bestritt Guedes drei von fünf Partien des Nationalteams bei der U20-Weltmeiserschaft 2015 in Neuseeland. Am 9. Oktober diesen Jahres stand Gonçalo Guedes dann beim 2:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen Ungarn auch erstmals für die U21-Auswahl auf dem Platz und traf nach seiner Einwechslung in der 66. Minute kurz vor dem Ende der Begegnung den Pfosten.

Mit der U19 von Benfica stand Guedes 2013/14 im Finale der UEFA Youth League, in dem die Adler dem FC Barcelona mit 0:3 unterlagen. Im vergangenen Jahr wurde Guedes dann in Benficas U23-Team berufen, das in der zweiten portugiesischen Liga spielt. Eine gerade für Nachwuchstalente sehr anspruchsvolle Spielklasse, besteht sie doch aus 24 Mannschaften und 46 kräftezehrenden Spieltagen. Seit seinem Debut gegen die U23 des FC Porto im April 2014 wurde der Außenstürmer dort bereits zweimal als Spieler des Monats ausgezeichnet.

Nur ein halbes Jahr nach seinem ersten Einsatz in der zweiten Liga stand Guedes im Pokalspiel bei Sporting Covilhã dann auch mit der ersten Profimannschaft auf dem Feld. Es folgten bislang 19 Einsätze mit zwei Toren und fünf Assists im Team von Trainer Rui Vitória, die bei der Partie in der Königsklasse in Madrid ihren vorläufigen Höhepunkt fanden.

Dass Gonçalo Guedes nach nur vergleichsweise wenigen Einsätzen bereits zum Publikumsliebling im Estádio da Luz avancierte, hat mehrere Gründe. Als Eigengewächs genießt er natürlich einen gewissen Sympathiebonus bei den Anhängern Benficas. Zudem hat sich Guedes in den letzten Monaten sowohl physisch als auch taktisch enorm weiter entwickelt. Immer seltener versuchte er zuletzt, den Ball buchstäblich über die gegnerische Torlinie zu tragen und begeistert Trainer wie Zuschauer mit seinem zunehmenden Spielverständnis, das sich mit weiten öffnenden Pässen auf seine Mitspieler manifestiert. Dass der junge Shooting Star noch dazu auch körperlich robuster und zweikampfstärker geworden ist, trägt ebenfalls zu seiner wachsenden Popularität bei.

Die jüngsten Erfolge des mit einem Vertrag bis 2021 ausgestatteten Guedes sind Balsam für seinen Verein Benfica Lissabon, dem in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen wurde, nicht genügend in die eigene Jugend zu investieren, und statt dessen lieber auf vornehmlich südamerikanische Talente zu setzen, die später mit hohem Gewinn transferiert werden können. Ángel di María oder Enzo Pérez sind nur zwei Beispiele für das hervorragende Scouting der Adler, die Transfererlöse wie die Luft zum Atmen benötigen.

Denn die Beträge, die sich im kleinen Portugal aus Sponsoring und Fernsehrechten erzielen lassen, sind einfach zu gering, als dass man wirtschaftlich mit den großen Namen aus England, Spanien oder Deutschland mithalten könnte. So muss Benfica Jahr um Jahr kräftige Transferüberschüsse erzielen, um eine international konkurrenzfähige Mannschaft finanzieren zu können.

Doch während die Akademie des Ortsrivalen Sporting traditionell den Ruf als eine der besten Fußballschulen in Europa genießt und mit einer gewissen Regelmäßigkeit neue Stars wie Cristiano Ronaldo oder Nani hervorbringt, setzte Benfica lange Zeit vornehmlich auf die Weiterentwicklung ausländischer Jungprofis. Diese Politik änderte sich erst 2003 mit der Wahl von Luís Filipe Vieira zum Präsidenten.

Unter der Ägide Vieiras entstand südlich von Lissabon mit der „Caixa Futebol Campus“ ein hochmodernes Trainings- und Ausbildungszentrum, das nun mit Spielern wie Gonçalo Guedes oder Nélson Semedo endlich auch bei den eigenen Profis Früchte trägt, nachdem zuvor die jungen Eigengewächse André Gomes, Bernardo Silva, João Cancelo und Ivan Cavaleiro zum Leidwesen vieler Fans für insgesamt 60 Millionen Euro nach Valencia und Monaco abgegeben wurden.

Ein entscheidender Faktor für diese Kursänderung war neben der angespannten Finanzlage Benficas sicher die Verpflichtung von Rui Vitória als neuem Cheftrainer, der anderes als sein sechs Spielzeiten lang amtierender Vorgänger Jorge Jesus wesentlich mehr Bereitschaft zeigt, Talente aus dem eigenen Nachwuchs frühzeitig in den Profikader zu integrieren.

Inzwischen hegen viele Benfiquistas die Hoffnung, dass Gonçalo Guedes nicht das letzte Ausnahmetalent aus der Nachwuchsschmiede Benficas bleiben wird, das Fußballeuropa mit seinem Können verzaubert, selbst wenn die besten dieser Spieler wohl kaum langfristig im Verein gehalten werden können.

Die Tatsache, dass Guedes bei Spielerberater Jorge Mendes und dessen Agentur Gestifute unter Vertrag steht, dürfte seinem weiteren Werdegang jedenfalls nicht hinderlich sein. Schließlich berät Mendes nicht nur die lusitanischen Megastars José Mourinho und Cristiano Ronaldo, sondern hat mit Ángel di Maria, André Gomes, Bernardo Silva, Ezequiel Garay, Fabio Coentrão und Ivan Cavaleiro auch etlichen ehemaligen Spielern von Benfica zu einer internationalen Karriere verholfen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen