11. August 2015

Rot-Weiss Essen - Fortuna Düsseldorf 1:3 i.E.

Die Hafenstraße in Essen gehört zu den mythischen Spielstätten unseres Landes. Selbst wenn das neue Stadion seit 2012 in ebenso frischem Glanz erstrahlt wie der Bieberer Berg, blendet das Kopfkino bei Nennung der Heimat von Rot-Weiss Essen sofort Begriffe wir Tradition, Bratwurst und Pils ein.

Am Sonntag stand dort in der 1. Runde des DFB-Pokals der alte Westschlager RWE gegen Fortuna Düsseldorf auf dem Spielplan. Eine wunderbare Gelegenheit, endlich einmal in Essen vorbei zu schauen.

Schon kurz nach Zehn wurde ich in Neu-Isenburg von meiner kleinen Reisegruppe eingesammelt, die zu dieser frühen Stunde bereits einen beträchtlichen Weg hinter sich gebracht hatte. Ausgangspunkt war noch vor dem Morgengrauen ein Örtchen in der Nähe von Sankt Gallen. Dort wohnt Alf, ein gebürtiger Essener, der seit 20 Jahren in der Schweiz lebt, sein rot-weisses Herz aber nie verloren hat. Wann immer möglich, macht er sich mit seinem Kleinbus auf den fast 700 Kilometer weiten Weg, um RWE spielen zu sehen. Wahre Liebe kennt eben keine Liga.

In Erlenbach stiegen Julian und seine Freundin Theresa zu, die mich schon im Februar mit zum Punktspiel der Rot-Weissen in Aachen genommen hatten. Ebenso seit Unterfranken war auch Timo mit an Bord, ein Kickers-Fan, dessen Herz ebenfalls für Essen schlägt. Genau die richtige Gesellschaft also für ausführliche Geschichtsstunden unterwegs, und das war auch gut so. Denn an einem Sonntag in den Sommerferien dauert eine Fahrt aus dem Rhein-Main-Gebiet in den Ruhrpott schon mal vier Stunden. Da ist es schön, wenn der Gesprächsstoff nicht so schnell ausgeht.

Zwei Stunden vor Spielbeginn waren die Kneipen und Kioske rund um die Hafenstraße bestens gefüllt. Keiner wollte zu früh ins Stadion, in dem aufgrund einer Anordnung der Polizei an diesem Tag kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Für einen gestandenen Essener ist das die Höchststrafe, entsprechend hohe Wellen schlug die Verfügung in den Tagen vor der Begegnung.

Das Stadion Essen selbst ist ein echtes Schmuckkästchen. Auch wenn die relativ weit voneinander entfernt platzierten Tribünen gelegentlich für Kritik sorgen, ist das Konstrukt architektonisch absolut gelungen, gewähren die offenen Kurven bei einem Rundgang ums Stadion doch immer wieder spektakuläre Einblicke ins Innere. Die filigran wirkenden Tribünen unterscheiden sich deutlich von der doch eher brachial geratenen Betonstruktur auf Biebers Höhen.

Mehr als die Architektur trugen aber die Menschen im Stadion ihren Teil dazu bei, dass ich mich in Essen auf Anhieb wohl gefühlt habe. Wollte man einem Außenstehenden den Begriff "Traditionsverein" erklären, man müsste ihn einfach mit an die Hafenstraße nehmen. Denn die Liebe zu RWE gehört seit Generationen zum genetischen Code dieses Publikums, das seine Mannschaft mit seltener Leidenschaft unterstützt. Der Sprechchor "Rot! Weiss! Essen!", der mit "Rot!" auf der Rahn-Tribüne beginnt, von der Stehtribüne hinter dem Tor mit "Weiss!" fortgesetzt wird, ehe die Haupttribüne "Essen!" antwortet, gehört zu den magischsten Momenten, die ich in einem Stadion erleben durfte.

Vor dem Anpfiff blieb noch Zeit für eine exzellente Krakauer, einen Plausch mit Uwe vom Blog Im Schatten der Tribüne und einen kleinen Ausflug an den Spielfeldrand. Als Ehrengast wurde der ehemalige Kickers-Trainer Otto Rehhagel begrüßt, der ja aus Essen stammt und an diesem Sonntag seinen 77. Geburtstag feierte. Dann durfte ich mir einen Platz auf der Pressetribüne suchen, von der aus man einen Blick aufs Spielfeld hat, wie in anderen Spielstätten von der Ehrentribüne.

Was folgte, war ein Pokalkrimi aller erster Güte, an dem lediglich das Endergebnis nicht stimmte. Nach einer ausgeglichenen ersten Hälfte dominierte der Viertligist aus Essen und erspielte sich eine Fülle von Torchancen, die normalerweise ausreicht, um zwei Begegnungen zu gewinnen. Das torlose Unentschieden nach Ende der regulären Spielzeit war allein der mangelnden Durchschlagskraft der Gastgeber am und im Strafraum geschuldet.

Auch in der Verlängerung hatte RWE gegen die seit der 82. Minute dezimierten Rheinländer insgesamt mehr von der Partie, allein der erlösende Führungstreffer wollte einfach nicht fallen. In der Elfmeterlotterie versagten den so groß aufspielenden Essenern dann die Nerven. Selbst dass RWE-Keeper Heller zwei Strafstöße parierte reichte am Ende nicht, weil die Jungs von der Hafenstraße ihrerseits dreimal nicht ins Schwarze trafen.

Trotz des so unglücklichen Ausgangs überwog nach dem Spiel unter dem rot-weissen Anhang der Stolz auf die eigene Mannschaft, die gegen einen zwei Klassen höher spielenden Gegner über weite Strecken das bessere Team war. Mit der am Sonntag gezeigten Leistung gehört Rot-Weiss Essen auf jeden Fall zu den heißen Titelanwärtern in der Regionalliga West. Und wer weiß, vielleicht stehen RWE und der OFC ja eines schönes Tages gemeinsam in der 3. Liga. Dort also, wo beide Vereine mindestens hingehören.

Ganz zum Schluss noch ein großes Dankeschön. Bei einem seit Wochen ausverkauften Schlagerspiel ist es alles andere als selbstverständlich, als Blogger eine Akkreditierung zu bekommen, noch dazu mit Zugang zur Mixed-Zone und zum Innenraum. Dafür nochmals herzlichen Dank an Rot-Weiss Essen und an André vom Blog Catenaccio 07, für dessen mehr als kollegiale Unterstützung.

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Rot-Weiss Essen - Fortuna Düsseldorf 1:3 i.E.
Sonntag, 9. August 2015, 16 Uhr
Stadion Essen, 17.500 Zuschauer





















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