21. Mai 2015

Ich pfeife! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters

Fast keiner mag sie, doch ohne sie geht im Fußball nichts. Für die meisten von uns sind Schiedsrichter eitle Exzentriker oder schlichtweg Wichtigtuer, die man kritisieren, auspfeifen und natürlich nach Herzenslust beschimpfen kann. Wie es den Betroffenen dabei ergeht, was sie motiviert, als Unparteiische auf den Rasen- und Hartplätzen unserer Republik Woche für Woche die Begegnungen von der Kreisklasse bis zur Bundesliga zu leiten, fragt man sich so gut wie nie.

In seinem Buch "Ich pfeife! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters" gewährt Christoph Schröder Einblicke in das Innenleben einer Kaste, die häufig als niedrigste Lebensform der Fußballwelt wahrgenommen wird.

Schröder, der bereits als 14jähriger von Torwart auf Schiedsrichter umschulte, tourt seit fast dreißig Jahren mit der Trillerpfeife durch Hessen. Er weiß also, worüber er schreibt. Dass er abseits der Sportplätze als freier Autor und Literaturkritiker für namhafte Blätter wie die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit oder den Berliner Tagesspiegel arbeitet, merkt man seinem Buch auf jeder Seite an. Der Mann kann schreiben, und zwar richtig gut.

"Ich pfeife!" erzählt von Schröders Anfangstagen als unerfahrener Spielleiter, beschreibt Ängste und Rituale sowie den nicht immer leichten Umgang mit Spielern, Trainern und Funktionären. Der geneigte Leser erfährt woher der Begriff "Arschkarte" stammt und warum es sich nicht empfiehlt, die Pfeife permanent im Mund zu haben.

Großen Namen treten auf, wie Pierluigi Collina, Walter Eschweiler, Anders Frisk oder Dr. Markus Merk. Eine sehr nachdenkliche Passage ist den Veränderungen des Fußballs und dem damit verbundenen Niedergang vieler Amateurvereine gewidmet. All das ist locker, leicht und mit einem feinsinnigem Humor geschrieben, der das Buch zum reinen Lesevergnügen macht.

Am besten ist Schröder immer dann, wenn er seine Leser mit in die hessische Provinz nimmt, nach Allendorf, Birkenau oder Ober-Abtsteinbach. Wenn es um trapezförmige Spielfelder geht, um die Eigenarten von Platzwarten und Schiedsrichterbeobachtern, den richtigen Umgang mit Alphatieren, den Dialekt an der Bergstraße oder die Parkplatzfrage vor dem Sportplatz.

Mein ganz persönliches Highlight ist Schröders Loblied auf die Bratwurst, für das ich ihm gerne einen Literaturpreis verleihen würde. Dafür könnte ich sogar fast darüber hinweg sehen, dass sich der Autor als Anhänger der Unaussprechlichen von der falschen Mainseite outet. Dass "Ich pfeife!" ganz nebenbei eine neue Sicht auf das Wirken der Schiedsrichter vermittelt, merkt man eigentlich erst, nachdem man dieses wunderbare Buch ein letztes Mal zugeklappt hat.

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Christoph Schröder
Ich pfeife! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters
Klett-Cotta 2015, 224 Seiten
16,95 Euro

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