13. Mai 2015

George Best - Der ungezähmte Fußballer

Bis heute gehört George Best in dem mit Stars und Sternchen überreich gesegneten Kosmos des Weltfußballs zu den schillernsten Erscheinungen. Doch wer war eigentlich dieser protestantische Nordire, der bereits mit 16 zum Profikader des "Katholikenvereins" Manchester United gehörte und dort der erste Popstar des Fußballs wurde? Dieser Frage geht Dietrich Schulze-Marmeling in seinem neuen Buch George Best - Der ungezähmte Fußballer nach.

"Der größte Entertainer, der talentierteste Spieler der Welt". So beschrieb Trainerlegende Matt Busby seinen Spieler, der 470 Begegnungen für die Red Devils absolvierte, dabei 179 Tore erzielte, englischer Meister und Europas Fußballer des Jahres wurde, der entscheidend dazu beitrug, mit dem Europapokalsieg 1968 die zehn Jahre währende Depression Uniteds nach der Flugzeugkatastrophe von München zu überwinden.

Beim Triumph im Europacup ist "Bestie" gerade einmal 23 Jahre alt, wird aber nur noch in der darauf folgenden Saison auf internationalem Parkett spielen. Danach versinkt United im Mittelmaß der englischen Liga. Auch die chronisch erfolglose Nationalmannschaft Nordirlands bietet dem genialen Fußballer keine Möglichkeit, sein unglaubliches Talent auf der ganz großen Bühne zu präsentieren. Der damit verbundenen Frust ist wohl einer der Gründe für die frühe Alkoholabhängigkeit Bests.

Es zeichnet Schulze-Marmeling aus, dass er sein Publikum nicht nur mit Sauf- und Weibergeschichten aus dem Leben des Nordiren unterhält, sondern sich auf eine sehr feinfühlige Spurensuche begibt. Wie in seinen Büchern üblich, beschränkt er sich dabei nicht auf sportliche Aspekte, sondern zeichnet ein Bild von der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Nordirland und England, die in den 1960er Jahren kaum unterschiedlicher sein könnte.

Der Alltag in Bests Heimatstadt Belfast ist in jener Epoche geprägt von katholischen und protestantischen Fundamentalisten, aus Gottesfurcht bleiben sonntags sogar die Kinderspielplätze geschlossen. Die Region steht kurz vor dem Ausbruch eines schrecklichen Bürgerkriegs, der über 30 Jahre hinweg tausende Todesopfer fordern wird. Aus dieser bigotten Enge kommt Best als 15jähriger nach Manchester, das sich gerade anschickt, zu einem der Epizentren der "Swinging Sixties" zu werden.

Der blendend aussehende Nordire kommt zur richtigen Zeit an den richtigen Ort. Mit den gerade eingeführten Liveübertragungen von Fußballspielen verschafft die BBC dem brillianten Techniker eine nationale Bühne, die seinen Ruhm über die Stadien hinausträgt. Best avanciert schnell zum "fünften Beatle", auch wenn er selbst lieber die Rolling Stones hört.

Enorm viel Druck lastet auf den Schultern eines eigentlich eher schüchternen Mannes, sowohl in sportlicher als auch gesellschaftlicher Hinsicht. Ein Druck, der immer häufiger über das Ventil Alkohol entweichen muss, was im "Drinking Club" Manchester United zunächst kein Problem darstellt. Doch die Konflikte in der Persönlichkeitsentwicklung des jungen Nordiren lassen sich damit nicht lösen.

Zwar ist "Bestie" auf dem Feld ein frühreifes Supertalent, doch dem richtigen Leben steht er oftmals unvorbereitet gegenüber. Auch Mannschaftskollegen und Trainer sind von den Problemen eines Popstars überfordert, die sie weder kennen noch verstehen. So stehen am Ende von Bests Karriere zwölf lange Wanderjahre, während derer er sich bei elf Vereinen auf vier Kontinenten verdingt. Sein Tod im Jahre 2005 bedeutet das viel zu frühe Ende eines Fußballgenies, dessen ungezügelte Spielfreude in Kontrast zum Systemfußball unserer Zeit steht.

Dietrich Schulze-Marmeling hat ein packendes, stellenweise trauriges, gerade im Schlußteil auch sehr philosophisches Buch über George Best und den Fußball geschrieben, das unbedingt lesenswert ist.

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Dietrich Schulze-Marmeling
George Best - Der ungezähmte Fußballer
Verlag Die Werkstatt 2015, 288 Seiten
16,90 Euro

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