14. April 2015

"Die Fehler der Vergangenheit werden nicht wiederholt"

Seit vergangenem Mittwoch ist das Insolvenzverfahren gegen den Offenbacher Fussballclub Kickers 1901 GmbH aufgehoben. Ein weiterer Meilenstein in der langen Historie unseres Vereins, der jedoch nicht bedeutet, dass der OFC jetzt frei von Sorgen ist.

Mein Dank an unseren Präsidenten Claus-Arwed Lauprecht, der sich sehr kurzfristig am späten Freitagabend die Zeit für ein intensives Gespräch über die Zukunft der Kickers genommen hat.

Frage: Herr Lauprecht, eine historische Woche liegt hinter Kickers Offenbach. Am Mittwoch wurde das Insolvenzverfahren der GmbH beendet, erstmals seit ihrem Amtsantritt im September 2013 ist der OFC wieder „Herr im eigenen Haus“. Trotzdem haben sich am Himmel über dem Bieberer Berg nicht über Nacht alle Wolken verzogen, denn den Verein belasten weiterhin Schulden in Höhe von mindestens drei Millionen Euro. Welche Auswirkungen haben diese Verbindlichkeiten auf die Zukunft der Kickers?

Lauprecht: Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass diese Schulden im Profifußball entstanden sind. Deshalb gehören sie auch wieder dort hin, und nicht in den Verein. Durch die Bestimmungen der Nachranghaftung ist nach der Insolvenz ein Teil der Verbindlichkeiten wieder auf den Verein zurückgefallen, aus dem die Profiabteilung ursprünglich ausgegliedert wurde. Das macht aber eigentlich nur Sinn, wenn auch die Profimannschaft wieder zum e.V. gehören würde.

Die Summe von mindestens drei Millionen Euro sind die Verbindlichkeiten, die wir derzeit sicher feststellen können. Sie wird sich wohl noch erhöhen, da nach wie vor Anfechtungsklagen laufen, die durch den Insolvenzverwalter angestrengt wurden.

Die große Problematik besteht darin, dass der gemeinnützige Verein niemals in der Lage sein wird, diesen Schuldenberg abzutragen. Von uns wurden alle überhaupt denkbaren Szenarien geprüft. Am Ende steht als Ergebnis, dass die Rückübertragung der Schulden an die GmbH der einzig gangbare Weg ist, um Kickers Offenbach als Gesamtkonstrukt schuldenfrei zu bekommen. Dies soll in Form von sogenannten Besserungsscheinen geschehen. Das bedeutet, die Gläubiger erhalten erst dann Geld, wenn es der GmbH wirtschaftlich besser geht.

Frage: Voraussetzung für dieses Modell ist aber, dass die Gläubiger die Besserungsscheine auch akzeptieren, und nicht auf eine Begleichung der Schulden durch Anteile an der GmbH drängen.

Lauprecht: Es liegt in der Natur der Sache, dass hier viel spekuliert wird. Stand heute ist, dass die Schulden nur bis zum 30. Juni 2015 gestundet sind. Wir müssen nun gemeinsam mit der Geschäftsführung der GmbH den fast einstimmigen Beschluss der Mitgliederversammlung umsetzen, die Schulden an die GmbH zu übertragen. Diesen Weg gehen wir, alles andere sind reine Vermutungen. Mir liegt bis heute keine offizielle Stellungnahme vor, dass dies nicht so stattfinden wird.

Frage: Bleiben wir noch einen Augenblick beim lieben Geld. Wie wichtig ist der Aufstieg in die 3. Liga für die wirtschaftliche Zukunft von Kickers Offenbach?

Lauprecht: Ich kenne noch nicht die genauen Zahlen der GmbH, weil uns diese erst jetzt nach dem Ende des Insolvenzverfahrens zur Verfügung gestellt werden. Aus meiner persönlichen Sicht ist der Aufstieg aber elementar wichtig. Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass der Verein in die 3. Liga gehört und auch von allen Seiten dort gesehen wird. Alle Gespräche mit Spielern, Sponsoren oder Gönnern drehen sich gedanklich bereits um diese Spielklasse.

Es ist aber in den nächsten Monaten unsere große Aufgabe, zweigleisig zu denken. Das ist ein gewaltiger Spagat, weil wir uns vom Budgetrahmen her zwischen einer Million und vier Millionen bewegen. Rico Schmitt hat eben in der Pressekonferenz völlig zu recht gesagt, dass wir noch nicht in der Relegation sind. Und die Wahrscheinlichkeit, dort zu bestehen, liegt genau bei 50 Prozent. Deshalb müssen wir für die kommende Saison sehr professionell die Regionalliga planen, mit allem was dahinter steckt.

Natürlich merkt man, dass unser Umfeld mittlerweile komplett auf den Aufstieg fokussiert ist. Es wäre für alle Beteiligten eine große Enttäuschung, sollte es am Ende nicht klappen. Wir müssen aber bei aller Euphorie sehen, dass der Aufstieg schon in dieser Spielzeit nicht die ursprüngliche Zielsetzung war. Wir spielen eine geile Saison, die uns diese Träume ermöglicht. Jetzt dürfen wir nicht den Fehler begehen, zu viel Druck auf unsere junge Mannschaft auszuüben, denn die spielt nur gut, solange der Kopf frei ist.

Wir müssen jedoch realistisch bleiben und dürfen nicht zu frustriert sein, sollte am Ende nicht der Aufstieg stehen. Dann bleibt uns nur, all die positiven Emotionen aus dieser tollen Saison mitzunehmen und es im nächsten Jahr erneut zu versuchen. Klar ist, wir müssen bald aus dieser Liga raus, denn auf Dauer können wir hier nicht bestehen.

Frage: Das heißt, ein weiteres Jahr in der Regionalliga wäre möglich, ohne dass auf dem Bieberer Berg sämtliche Strukturen zusammenbrechen?

Lauprecht: Die Fehler der Vergangenheit werden sich definitiv nicht wiederholen, jedenfalls solange ich hier Präsident bin. Wir werden nur das Geld ausgeben, das wir einnehmen. Das wird in der kommenden Saison in der Regionalliga spürbar weniger sein, weil wir keine Einnahmen aus dem DFB-Pokal haben, die uns in diesem Jahr tatsächlich gerettet haben. Das muss man so deutlich sagen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn wir im Pokal nicht das Achtelfinale erreicht hätten. Die Spielzeit muss von Beginn an fix budgetiert sein, weil wir nicht auf Sondererlöse hoffen können. Das wird sich auch im Spielerkader bemerkbar machen.

Frage: Zumal wir nach den tollen Leistungen in dieser Saison sicher den einen oder anderen Spieler in unseren Reihen haben, der auch höherklassigen Vereinen aufgefallen ist?

Lauprecht: Das ist so. Unserem Trainer ist es gelungen, aus vielen Spielern eine richtige Marke zu machen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der eine oder andere Zweit- und Drittligist unsere Jungs schon massiv anbaggert. Das ist ein Kompliment für unsere Arbeit, für das Umfeld und den Verein. Falls uns am Ende wirklich ein Spieler verlassen sollte, dürfen wir ihm deshalb nicht böse sein. Das ist einfach der Lauf der Dinge im Profisport.

Frage: Sie haben gerade unseren Trainer gelobt, womit wir beim Thema Personalien angelangt sind. Auch wenn Sie es wahrscheinlich nicht mehr hören können, möchte ich trotzdem nach der Zukunft von Alfred Kaminski fragen, der noch einen Vertrag bis 2016 hat und ursprünglich als Sportdirektor zweiter Geschäftsführer der GmbH werden sollte. Nun ist aber Rico Schmitt Trainer und Sportdirektor in Personalunion, Kaminski kümmert sich um das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ). Bleibt das so?

Lauprecht: Die Strukturen stehen fest, die Verträge sind unterschrieben. Aktuell gibt es keine Notwendigkeit, etwas zu verändern. Herr Kaminski macht einen tollen Job und ist ein Gewinn für den Verein. Mein großer Wunsch ist, dass sich beide Seiten annähern. Ich glaube, dass wir hier zwei absolute Fachkräfte in unseren Reihen haben, die sich perfekt ergänzen können.

Frage: Die Finanzierung von Herrn Kaminski ist auch dann gesichert, wenn er nach wie vor nur für den Verein und nicht für die GmbH tätig ist?

Lauprecht: Die Entwicklung unserer Jugendstrukturen ist überhaupt nur möglich, weil externe Gönner einen Spitzenmann wie Kaminski finanzieren, der vom Verein lediglich ein kleines Gehalt bezieht, wie es für den Leiter eines NLZ üblich wäre.

Frage: Ist denn die Sterne-Zertifizierung des NLZ durch den DFB in absehbarer Zeit ein realistisches Ziel?

Lauprecht: Unabhängig von Sternen wäre es etwas Einmaliges, wenn es uns als Regionalligisten gelingen würden, in diesem Frühjahr eine bessere Zertifizierung zu bekommen, als vor zwei Jahren. Alleine das wäre ein Riesenerfolg, denn damals waren wir noch in der 3. Liga. Sollte es uns irgendwann gelingen, einen Stern für unser NLZ zu erhalten, wäre das nicht nur wegen der damit verbundenen Fördergelder wie ein Sechser im Lotto, weil wir der ganzen Region zeigen könnten, welch fantastische Strukturen wir aufgebaut haben. An diesen Strukturen hat beim OFC es immer gefehlt. Man braucht sie aber, um langfristig erfolgreich zu sein.

Frage: Wenn ich Ihre Äußerungen in der Vergangenheit richtig verstanden habe, ist der Verbleib von Alfred Kaminski für Sie eine Herzensangelegenheit, weil Sie damit den Grundstein für eine nachhaltige Philosophie im gesamten Verein Kickers Offenbach legen wollen?

Lauprecht: Das haben Sie schön zusammengefasst. Es ist unser großer Wunsch, Nachhaltigkeit zu schaffen. Wir wollen Systeme nicht auf Personen, sondern auf Strukturen aufbauen. Das Sportgeschäft ist extrem kurzlebig. Heute wird ein Vertrag geschlossen und morgen ist derjenige schon wieder weg. Damit muss man einfach rechnen, weil das Business so ist. Deshalb ist es so wichtig, Strukturen aufzubauen, die uns weniger anfällig für Nackenschläge machen, wenn uns irgendwann jemand verlassen sollte, auf den wir alle gezählt haben. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das von uns entwickelte Leitbild, das uns eine Herzensangelegenheiten ist.

Frage: Ein ganz anderes Thema: Wird beim OFC bald auch American Football gespielt?

Lauprecht: In der Rede nach meiner Wahl zum Präsidenten habe ich den Wunsch geäußert, den Verein künftig auf ein breiteres Fundament zu stellen. Wir möchten weitere Abteilungen aufbauen. American Football wäre eine wunderbare Ergänzung zum Profifußball. Wir sprechen über eine harte Sportart mit viel Eventcharakter, die sich trotzdem für soziale Projekte engagiert. Dieses Engagement passt optimal in unseren Verein.

Insofern ist es mein großer Wunsch, die Rhein-Main Rockets so schnell wie möglich bei uns zu integrieren. Leider haben wir derzeit noch ein Rechtsproblem, weil sich unsere Cheerleader sehr erfolgreich ohne die alte Verbandsstruktur selbständig organisieren. Nun steht in den Statuten des American Football-Verbandes, dass die Cheerleader eines Vereins ebenfalls dem Verband angehören müssen. Das ist bei uns nicht der Fall, deshalb würden unsere Footballer gegenwärtig keine Lizenz bekommen. Wir hoffen, dieses Problem bald zu lösen.

Frage: Und als nächster Schritt folgt dann die Basketball-Abteilung?

Lauprecht: (Lacht) Persönlich hätte ich nichts dagegen. Da ich nach wie vor im professionellen Basketball tätig bin, finde ich es aber gar nicht schlimm, dass dieses Engagement nicht in meinem eigenen Verein stattfindet. Das schafft eine gesunde Distanz.

Viel mehr würde mich es mich reizen, dass in unserem Verein wieder geboxt wird. Kickers Offenbach hat hier eine große Tradition, es gibt zu diesem Thema bereits erste Gespräche. Es würde mich freuen, wenn wir das vielleicht schon zur nächsten Mitgliederversammlung realisieren könnten.

Frage: Auch finanziell wäre eine Boxabteilung wohl leichter zu stemmen als Basketball?

Lauprecht: Nein, es geht hier nicht so sehr um die Finanzen, sondern um ganz banale Dinge wie die Hallenzeiten. Das Boxcamp in Offenbach hat eine eigene Halle, da sind Trainingsmöglichkeiten gegeben. Wir haben zum Beispiel schon konkrete Gespräche über eine Badminton-Abteilung geführt, aber dann gehen wir zur Stadt und fragen nach Hallenzeiten. Nur die sind schon heute mehr als begrenzt. Es ist fast unmöglich, in den vorhandenen kommunalen Strukturen etwas Neues zu machen. Insofern sind die Überlegungen zum Thema Boxen schneller umsetzbar, weil wir nicht von Dritten abhängig sind.

Frage: Durch zusätzliche Sportarten kann der Verein neue Mitglieder gewinnen. Nun gehört der OFC mit seinen Mitgliedsbeiträgen zu den teuersten Klubs in Deutschland. Vielerorts gibt es Fanabteilungen, die durch reduzierte Beitragsätze passive Mitglieder anlocken. Gibt es auch Überlegungen in diese Richtung?

Lauprecht: Da habe ich eine andere Denkweise. Wer Mitglied beim OFC ist, hat auch die Möglichkeit mitzusprechen. Ich persönlich möchte lieber Qualität statt Masse. Für den Mitgliedsbeitrag von neun Euro im Monat bekommt man in einer Kneipe drei Bier. Mit diesem Betrag können Sie bei Kickers Offenbach mitbestimmen. Jedes Vereinsmitglied kann bei der Hauptversammlung Anträge stellen oder sagen, diesen Präsidenten möchte ich nicht. Wer Mitglied bei den Kickers werden will, sollte das nicht aus monetären Gründen tun, sondern aus dem Verständnis heraus, dass dieser Verein mit seinen demokratischen Strukturen Mitglieder benötigt.

Frage: Dann gibt es noch die Variante, den Mitgliedern sogenannte Mehrwerte zu bieten. Natürlich hängt dies sehr von der Größe des Vereins ab. Ich bin auch Mitglied bei Benfica Lissabon, mit meinem Mitgliedsausweis bekomme ich in Portugal an jeder Straßenecke Rabatte, sei es bei Tankstellen, in Kinos, bei Versicherungen oder sogar bei McDonald's. Wäre solch ein Modell für den OFC nicht zumindest auf regionaler Ebene umsetzbar?

Lauprecht: (Lacht) Man könnte fast denken, Sie wären Mitglied im Präsidium. Tatsächlich ist das seit einiger Zeit bei uns ein Thema. In der kommenden Woche wird es hierzu eine finale Sitzung geben, nach der wir die ersten zwanzig Unternehmen vorstellen, die die Kickers-Familie künftig mit Rabatten willkommen heißen.

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