20. April 2015

Das vergessene Derby

Nachdem sich am Samstag Belenenses und Benfica zum Stadtderby getroffen hatten, kam es nur einen Tag später gleich zum nächsten Duell innerhalb der Stadtgrenzen von Lissabon. Doch während die Partie im Estádio do Restelo tagelang die Medien beherrschte, musste man schon sehr gründlich nach einem Hinweis suchen, dass sich am Sonntag Oriental und Atlético in der zweiten Division gegenüber stehen würden.

Um die Zustände im Unterhaus der portugiesischen Liga zu verstehen, muss man zunächst die zweite Bundesliga aus dem Gedächtnis streichen. Die Situation der meisten Zweitligisten in Portugal ist eher mit den Gegebenheiten in den deutschen Regionalligen vergleichbar: Alte Stadien, kaum Sponsoren und ein geringes öffentliches Interesse. So kann es dann durchaus passieren, dass wie in der vergangenen Woche ein kompletter Spieltag an einem Mittwoch um 16 Uhr ausgetragen wird.

Der Clube Oriental de Lisboa begrüsst durchschnittlich 573 Fans zu seinen Heimspielen und liegt damit ziemlich genau im Schnitt der Liga. Eine Liga, die mit 24 Vereinen geradezu monströs aufgebläht ist, nachdem zur Saison 2012/13 kurzerhand sechs U23-Teams von Vereinen aus der Primera Liga aufgenommen wurden. Den Rekordbesuch verzeichnete Oriental bereits am 6. Spieltag, als 1.235 Zuschauer das torlose Unentschieden gegen die B-Elf von Benfica verfolgten.

Gerne hätte ich mit einem Verantwortlichen bei Oriental darüber gesprochen, wie es einem Verein gelingt, unter diesen Voraussetzungen professionell Fußball zu spielen. Doch leider blieben zwei entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Das Campo Engenheiro Carlos Salema verfügte in ruhmreicheren Zeiten über 8.500 Sitzplätze. Inzwischen finden nur noch 2.000 Fans Einlass in die Sportstätte, an der der Zahn der Zeit sichtbar genagt hat. Große Fußballschlachten wurden hier vor allem in den 1950er Jahren geschlagen, in denen die "Granatroten" sieben Spielzeiten in der ersten Liga verbrachten. Einer der tragischsten Momente der Vereinschronik ereignete sich im Februar 1977, als die überdachte Haupttribüne in sich zusammenstürzte und es anschließend am Geld für den Wiederaufbau fehlte.

Zur Saison 2014/15 gelang Oriental die Rückkehr in die zweite Liga, in der am 40. Spieltag mit Atlético aus dem Stadtteil Alcântara ein weiterer historischer Name des Lissabonner Fußballs der Gegner war. Während die Hausherren aktuell den 15. Tabellenplatz einnehmen, stecken die Gäste 13 Punkte dahinter als 22. mitten im Abstiegsstrudel.

Als eine Stunde vor Spielbeginn das Kassenhäuschen öffnet, ist der Andrang erwartungsgemäß übersichtlich. Neben mir kaufen noch einige Fans von Atlético ein Ticket für acht Euro. Wer regelmäßig zu Oriental geht ist Vereinsmitglied und und zeigt am Eingang einfach seinen Ausweis vor.

Das Carlos Salema ist ein Paradies für Fußballromantiker. Der Rasen ist auf drei Seiten von einer sieben Stufen hohen Tribüne eingefasst, hinter dem Tor in Blickrichtung Tejo gewährt eine niedrige Mauer gute Sicht auf den Fluß. Überall im Stadion bröckelt der Putz. Blumen und Unkraut sprießen, direkt an der Gegentribüne liegt so viel Bauschutt wurfbereit, dass deutsche Ordnungshüter hier nicht einmal ein Spiel der F-Jugend genehmigen würden. Die Sitzplätze auf den Steinstufen sind mit granatroten Pinselstrichen markiert, hinter der Haupttribüne rundet eine Ruine den historischen Charme der Szenerie perfekt ab.

Ursprünglich vor den Toren der Stadt erbaut, liegt der alte Sportplatz heute im dicht besiedelten Neubaugebiet Marvila. Von vielen Fenstern und Balkonen der umliegenden Wohnhäuser hat man einen wunderbaren Blick auf das Spielfeld. Eine Option, von der am Sonntag aber nur wenige Anwohner Gebrauch machten. Für 1,50 Euro gibt es bei zwei netten Damen am Kiosk einen Becher alkoholfreies Sagres, auch die angebotenen Speisen sehen appetitlich aus. Da ich gerade vom Mittagessen komme, bleibe ich beim Bier und suche mir einen Platz auf den Rängen. Viel dichter am Geschehen als dort kann man nicht sein, von der obersten Sitzreihe bis zum Spielfeld sind es keine fünf Meter.

Vor dem Spiel gibt es keine Werbedurchsagen, auch eine Anzeigetafel sucht man vergeblich. Die Aufstellungen werden verlesen und schon betreten die beiden Teams zu den Klängen der Vereinshymne das Spielfeld. In der ersten Halbzeit ist Oriental klar tonangebend, die Gäste wehren sich so gut es geht, bringen aber in der Offensive nur wenig zustande. Nach Chancen führen die Hausherren zur Pause mit 3:1, nach Toren steht es aber unverändert 0:0.

Im zweiten Durchgang tritt Atlético entschlossener auf und kommt jetzt zu einigen Möglichkeiten. Die Begegnung dreht sich erst wieder, als der Schiedsrichter 25 Minuten vor dem Ende einen Foulelfmeter für Oriental pfeift und einen Gästespieler vom Platz stellt. Doch die "Granatroten" vergeben nicht nur den Strafstoß, sondern wissen anschließend auch wenig mit ihrer numerischen Überlegenheit anzufangen.

So geht die Partie ihrem torlosen Ende entgegen, bis es zwei Minuten vor Schluß einen weiteren Elfmeter für die Hausherren gibt, der diesmal eiskalt verwandelt wird. Als Oriental in der Nachspielzeit sogar noch der zweite Treffer gelingt, bebt das kleinen Stadion vor Freude.

Als ich eine Stunde nach dem Abpfiff den Linienbus für die Rückfahrt besteige, nimmt zwei Reihen vor mir ein Spieler von Oriental in seinem granatroten Trainigsanzug Platz. Schwer vorstellbar, dass Akteure der zweiten Bundesliga die Heimreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln antreten.

So bleibt als einziger Wermutstropfen eines wunderbaren Nachmittags eigentlich nur, dass ausgerechnet jener Spieler nicht zum Einsatz kam, auf den ich so gespannt war. Denn in den Reihen von Oriental steht ein Stürmer von den Kapverdischen Inseln mit dem wohlklingenden Künstlernamen "Ballack". Ein Grund mehr, bei nächster Gelegenheit mal wieder im Campo Engenheiro Carlos Salema vorbei zu schauen.

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Clube Oriental de Lisboa - Atlético Clube de Portugal 2:0
Sonntag, 19. April 2015, 16 Uhr
Campo Engenheiro Carlos Salema, 871 Zuschauer

Torschützen: 1:0 Daniel Almeida (88. FE), 2:0 Miguel Paixão (92.)




























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