18. April 2015

Belenenses - Benfica 0:2

Das Rennen um die portugiesische Meisterschaft nimmt auf der Zielgeraden mächtig Fahrt auf. Sechs Spieltage vor dem Saisonende liegt der amtierende Meister und Tabellenführer Benfica nur drei Punkte vor seinem Verfolger FC Porto, der am kommenden Sonntag zum gefühlten Endspiel um den Titel in Lissabon antritt.

Bevor es jedoch im Estádio da Luz zum seit langem ausverkauften Showdown der beiden Erzrivalen kommt, hatte Benfica am heutigen Samstag im kleinen Stadtderby bei Belenenses noch eine schwere Aufgabe zu lösen. Der Verein aus dem Stadtteil Belém lebt traditionell im Schatten der beiden großen Hauptstadtclubs Benfica und Sporting, spielt aber eine beachtliche Saison und liegt aktuell auf dem sechsten Tabellenplatz.

Ein Stadionbesuch in Belém ist für mich immer auch ein Abstecher in die Vergangenheit. Als hoffnungsfroher Praktikant kam ich 1989 für ein Jahr nach Lissabon und verliebte mich schnell in eine anmutige Tochter der Stadt, mit der ich mittlerweile seit 20 Jahren verheiratet bin. Nun war mein künftiger Schwiegervater ein begeisterter Anhänger von Belenenses und nahm den noch nicht der portugiesischen Sprache mächtigen Deutschen kurzerhand mit ins Stadion.

In den folgenden 12 Monaten wurde der Besuch bei den "Blauen" im Restelo für mich zur festen Gewohnheit. Schon bald war ich Vereinsmitglied, was durchaus praktischen Erwägungen geschuldet war. Denn seinerzeit betrug der monatliche Mitgliedsbeitrag in Belém umgerechnet ganze neun Mark, dafür hatte man bis auf die Begegnungen mit den "großen Drei" (Benfica, Sporting und Porto) freien Eintritt zu den Heimspielen.

Auch für Benfica ist Belém historischer Boden. Hier wurde am 28. Februar 1904 in der Apotheke von Herrn Franco der Verein gegründet, der heute zu den größten Fußballklubs der Welt zählt. Die Apotheke selbst existiert längst nicht mehr, in dem geschichtsträchtigen Gebäude befindet sich jetzt eine Filiale der portugiesischen Sparkasse. An der Hausfassade erinnert jedoch eine Gedenktafel an die Gründung von Benfica vor 111 Jahren. Und noch heute beginnt einer der beliebtesten Fangesänge der Benfiquistas mit der Zeile "Nascido na farmácia Franco..." (Geboren in der Apotheke Franco).

Allen Sentimentalitäten zum Trotz brauchte Benfica gegen Belenenses heute aber dringend einen Auswärtserfolg, um Porto auf Distanz zu halten. So einfach kann Fußball sein.

Im Schnitt begrüßt Belenenses bei Ligaspielen nur etwa 2.000 Zuschauer, doch das Stadion am Flußufer wurde an diesem Samstag von einer roten Welle überspült. 15.137 Fans sorgten für eine Rekordkulisse im Restelo, was ausnahmslos den von der Aussicht auf den zweiten Titelgewinn in Folge euphorisierten Anhängern Benficas geschuldet war, die die Partie zum Heimspiel für ihre Adler machten.

Dass man in Belém keine Fanmassen gewohnt ist, war an der etwas unübersichtlichen Organisation zu erkennen. Als ich mich am Tor 12 nach dem auf meinem Ticket ausgewiesenen Eingang 10/1 erkundigte, lautete die Antwort, dass es diesen nicht gäbe. Ich solle einfach hier reinkommen. Die Sitzschalen auf der Gegengerade waren allesamt von einer dicken Schmutzschicht überzogen, hier hatte wohl schon lange niemand mehr gesessen. Das zahlende Publikum übernahm die Reinigungsarbeiten unfreiwillig mit seinen Allerwertesten.

Das Spiel selbst begann mit einem Paukenschlag. Fünf Minuten waren erst gespielt, als Jonas einen kapitalen Abwehrfehler der Gastgeber zum Führungstreffer für Benfica nutzte. Nun gehört es in Portugal zum guten Ton, lieber etwas später als zu früh zu erscheinen. Angesichts der wenigen Stadioneingänge hatten etwa ein Drittel der Zuschauer noch gar nicht ihre Plätze eingenommen, als Benfica bereits in Front lag.

Trotz des frühen Vorsprungs hatten die Adler in der Folge erhebliche Mühe im Spielaufbau. Die Hausherren kämpften verbissen um ihre Chance, sich in dieser Sasion für die Europa League zu qualifizieren. Es war Keeper Júlio César zu verdanken, dass nach 22 Minuten nicht der Ausgleich fiel. Der frühere brasilianische Nationaltorhüter parierte einen direkten Freistoß des ehemaligen Benficaspielers Carlos Martins in glänzender Manier. Danach passierte in der ersten Hälfte nicht mehr viel, die knappe Führung des portugiesischen Rekordmeisters ging für mich natürlich in Ordnung.

Auch die zweite Spielhälfte war arm an Höhepunkten. Viel Kampf im Mittelfeld, weiterhin Probleme auf Seiten Benficas, die Begegnung wirklich in den Griff zu bekommen. Nach einer Stunde dann der erlösende zweite Treffer der Adler. Wieder war es Jonas, der eine wunderschöne Flanke von Nico Gaitán zu seinem 16. Saisontreffer verwertete. Im Anschluß plätscherte die Partie ihrem Ende entgegen. In der Nachspielzeit stellte Júlio César einmal mehr unter Beweis, dass er noch immer zu den ganz Großen auf der Linie zählt, als er einen eigentlich unhaltbaren Schuß aus kürzester Distanz abwehrte.

Mit dem heutigen Erfolg stellte Benfica einmal mehr seine beindruckende Effizienz unter Beweis. Denn die beiden Treffer von Jonas waren die einzigen Schüsse auf das Tor der Gastgeber während der gesamten Begegnung. Auch das braucht es wohl, um Meister zu werden. Da Porto zur gleichen Zeit mit 1:0 gegen Académica gewann, bleibt an der Tabellenspitze alles beim Alten. Es ist angerichtet zum großen Showdown am kommenden Sonntag im Estádio da Luz.

---
Belenenses - S.L. Benfica 0:2
Samstag, 18. April 2015, 18.00 Uhr
Estádio do Restelo, 15.137 Zuschauer

Mannschaftsaufstellung: Júlio César, André Almeida, Luisão, Jardel, Eliseu, Samaris (88. Ruben Amorim), Pizzi, Nico Gaitán, Ola John (72. Talisca), Jonas (81. Fejsa), Lima

Torschützen: 0:1 Jonas (5.), 0:2 Jonas (60.) 









Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen