22. März 2015

Tausend plus fünf im Ellenfeld

Borussia Neunkirchen ist es schon besser gegangen. Als der Klub Mitte der 1960er Jahre drei Spielzeiten in der Bundesliga bestritt, war man in Neunkirchen mit Recht stolz auf das Prädikat, die kleinste Stadt im Oberhaus des deutschen Fußballs zu sein. Nur ein gutes Jahrzehnt später begann der Niedergang, der die Borussia bis in die fünftklassige Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar führte. Jetzt steht der Traditionsverein, der im Juli sein 110jähriges Bestehen feiert, kurz vor dem wirtschaftlichen Aus.

Am vergangenen Montag wurde auf einer Mitgliederversammlung bekannt, dass die Borussia innerhalb von nur zwei Wochen 100.000 Euro benötigt, um Gehälter, Strom, Versicherungen und Steuern zu bezahlen. Sollte es nicht gelingen diese Summe zu beschaffen, ist sogar der laufende Spielbetrieb gefährdet. Erschwert wird die Situation durch den Umstand, dass bereits vor der Versammlung der Präsident, die Schatzmeisterin und der Marketing-Manager von ihren Ämtern zurücktraten und der Verein jetzt vom einzig verblieben Vorstand und dem Aufsichtsratvorsitzenden geführt wird.

Warum schreibe ich das alles? Seit geraumer Zeit habe ich gute Kontakte zu einigen Borussen. Da sind Nicky Kassner und Mirko Müller vom Blog Stahlwerk NK, und natürlich der Blogger und Autor Tobias Fuchs, der mit seinem Buch "100 Jahre Ellenfeld-Stadion" der mittlerweile reichlich maroden Spielstätte in Neunkirchen ein wunderbares Denkmal gesetzt hat. Eine Spielstätte, deren Ränge in glorreichen Zeiten bis zu 33.000 Zuschauer füllten und die das Magazin 11 Freunde zu den 99 Orten zählt, die Fußballfans gesehen haben müssen.

Als der Stahlwerk-Blog die Aktion "1000 plus X" in Leben rief, um zum Heimspiel gegen den SV Saar 05 möglichst mehr als tausend Zuschauer und die damit verbundenen Eintritsgelder ins Ellenfeld zu locken, stand für mich fest, dass ich meine Freunde und die Partie am Samstag besuchen würde. Sorgen um die Zukunft meines Vereins sind mir als Offenbacher ja nicht ganz fremd.

So schrieb ich nach der Begegnung der Kickers gegen Elversberg noch rasch meine Chronik vom Spiel, ging dann ins Bett und machte ich mich am nächsten Morgen auf die Reise nach Neunkirchen. Den Weg dorthin finde ich inzwischen fast mit verbundenen Augen: Saarbrücken, Elversberg, Homburg, Zweibrücken und Pirmasens liegen in unmittelbarer Nähe, die Gegend wird langsam zu meiner zweiten Heimat. Und im Vergleich zu Tobias Fuchs, der in Berlin lebt und eigens mit dem Nachtbus zum Spiel angereist kam, hatte ich ja wirklich keine lange Strecke zu fahren.

Um es gleich zu sagen: Das Ellenfeld-Stadion ist ein Ort für Fußballromantiker, die sich nicht nur in modernen Arenen wohlfühlen. Schon bei der Anfahrt sieht man die nach hinten offene Struktur der Haupttribüne, die einen sehr eigenwilligen Kontrast zu den eng angrenzenden Wohnhäusern setzt. Eine Blocktrennung gibt es nicht, für sechs Euro kauft man seine Stehplatzkarte und hat dann freie Platzwahl in der Fankurve, hinter dem Tor oder auf der Gegengeraden.

Der Zahn der Zeit hat sichtbar am Ellenfeld genagt, die hohen Stehränge hinter dem zweiten Tor sind aus Sicherheitsgründen gesperrt. Überall bröckelt der Putz, die Natur erobert sich langsam aber sicher das alte Stadion zurück. Im Vergleich zum derzeitigen Zustand des Ellenfelds hätte der alte Bieberer Berg lediglich einiger kleiner Reparaturarbeiten bedurft.

Gleich vor den Kassenhäuschen treffe ich Tobias, dem man die Strapazen der langen Anreise kaum ansieht. Wenig später kommen Nicky vom Stahlwerk und Carsten Gier hinzu, der mit seiner Nikon ein Dauergast in den Stadien dieser Republik ist. Obwohl ich keinen der Jungs jemals zuvor persönlich gesehen hatte, ist es von Beginn an wie ein Treffen unter alten Freunden.

Vor dem Spiel bleibt Zeit für ausführliche "Fachgespräche" und die obligatorische Stadionwurst, mit der die Borussia problemlos in der Bundesliga antreten könnte. Zwar sind die beiden älteren Herrschaften am Grill ein wenig vom ungewohnten Andrang überfordert, aber die Rotwurst schmeckt köstlich. Schon vor dem Spielbeginn zeigt die kleine Anzeigetafel ein 0:1 für den "Gast" an. Eine Prophezeiung, die sich nicht erfüllen sollte, denn Fußball wurde an diesem Nachmittag schließlich auch noch gespielt.

Nicht nur aufgrund der wirtschaftlichen Probleme ging der Tabellenzwölfte als Außenseiter in die Partie gegen einen Aufsteiger, der als Zweiter nach Neunkirchen gereist war. Im Spiel wehrten sich die Borussen aber tapfer gegen spielerisch überlegenen Gäste und trotzten diesen ein verdientes torloses Remis ab.

In der zweiten Spielhälfte gab es dann auch Antwort auf die Frage, ob es der Aktion "1000 plus X" tatsächlich gelungen war, mehr als tausend Zuschauer ins ehrwürdige Ellenfeld zu locken, wo in dieser Saison bislang durchschnittlich 338 Fans die Spiele verfolgten. Umso größer war die Freude, als der Stadionsprecher schließlich verkündete, dass an diesem Nachmittag 1.005 zahlende Zuschauer gekommen waren, unter ihnen bemerkenswert viele Anhänger des 1. FC Saarbrücken, die bei ihrem Heimspiel am Abend zuvor ebenfalls um Unterstützung für den Nachbarverein geworben hatten.

So viel gäbe es noch zu erzählen von diesem Nachmittag, an dem die Anhänger der Borussia gezeigt haben, dass sie dem Untergang ihres Vereins nicht tatenlos zusehen werden. Wer jetzt Lust bekommen hat das Ellenfeld selbst zu besuchen, sollte dies bei nächster Gelegenheit unbedingt tun. Borussia Neunkirchen ist noch lange nicht über den Berg und auf jeden Euro angewiesen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man als Gast in Neunkirchen sehr herzlich willkommen ist.

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Borussia Neunkirchen - SV Saar 05 0:0
Samstag, 21. März 2015, 14.30 Uhr
Ellenfeld-Stadion, 1.005 Zuschauer







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