31. März 2015

Autorenlesung mit Frank Willmann

Erst 25 Jahre sind seit der Wende vergangenen, trotzdem nahm Frank Willmann gestern im Fanladen Offenbach die Besucher seiner Lesung Stadionpartisanen nachgeladen mit in eine längst vergangene Fußballzeit. Im Mittelpunkt standen dabei nicht Verteidiger, Stürmer oder Trainer, sondern zumeist sehr junge Fans mit Schnauzbart, Parkas und Fanschals. Für viele von ihnen waren die Stadien der DDR ein Abenteuerland, in dem sie der Alltagslangeweile zumindest für einige Stunden entfliehen konnten.

Der 1963 in Weimar geborene Autor beschäftigt sich seit seiner Übersiedlung nach Westberlin im Jahr 1984 mit Fußball und Punk in der "Zone". So ging er im Rahmen eines Forschungsauftrags der Frage nach, welchen Anteil Fußballfans an der Wende hatten. Mit Willmanns Kolumne ist er Stammgast im Berliner Tagesspiegel und schreibt zudem für das Magazin 11 Freunde. Bei so viel Hintergrundwissen wurde es natürlich ein langer Abend. Dass Frank noch dazu ein glänzender Geschichtenerzähler ist, machte die Veranstaltung umso reizvoller.

Fast 400 Fotos hat Frank Willmann für sein Buch zusammengetragen, viele von ihnen stammen aus alten Stasi-Archiven. Rund zwei Duzend davon dienten gestern als Anschauungsmaterial für die Geschichten über Fußballfans und Hooligans in der DDR. Bereits 1977 kam es zu ersten Ausschreitungen in ostdeutschen Stadien, wenige Jahre später nahm die Gewalt überhand. Nun wollte Randale so gar nicht in das Bild der fröhlichen Jugend passen, die nach offizieller Version im Arbeiter- und Bauernstaat lebte. Krawalle wurden in den Medien totgeschwiegen, staatliche Stellen sannen auf Abhilfe und erfanden unter anderem eine recht eigenwillige Frühform des Fanbeauftragten, indem Mitglieder der Jugendorganisation FDJ den Auftrag erhielten, die Fanszenen zu infiltrieren und Namen der "Rowdys" zu beschaffen.

Wer dingfest gemacht wurde, den erwarteten drakonische Strafen. Willmann schilderte den Fall eines Anhängers des BFC Dynamo, der für das "ruppen" eines gegnerischen Fanschals zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt wurde. Zehn Monate davon wurden anschließend zwar zur Bewährung ausgesetzt, jedoch unter ausgesprochen harten Auflagen. So erhielt der Haftentlassene keinen Personalausweis mehr, der Abschnittsbevollmächtigte seines Stadtviertels besaß einen Wohnungsschlüssel und konnte jederzeit nach dem Rechten sehen. Nachdem der junge Berliner praktisch zwangsläufig rückfällig wurde, folgten weitere 18 Monate Gefängnis und das anschließende Verbot, fünf Jahre lang seine Heimatstadt zu betreten.

Ironischerweise wurden die zunehmend in den Stadien anzutreffenden Skinheads im Gegensatz zu anderen "negativ zersetzenden Elementen" von Polizei und Stasi kaum behelligt. Da die DDR-Skins üblicherweise einer geregelten Tätigkeit nachgingen und den Dienst in der Volksarmee bereitwilligt ableisteten, wurden sie von der Staatsgewalt nicht als wirkliche Bedrohung angesehen.

Im Gegensatz zu heute war hingegen Dresden zu Zeiten des real existierenden Sozialismus ein Hort des Friedens. Bis 1989 definierten sich die Dynamo-Anhänger in erster Linie über den schönen Fußball, der von der Mannschaft aus der Stadt des "Dresdner Kreisels" seit jeher gespielt wurde. Erst nachdem gemeinsam mit der alten DDR auch das kultivierte Spiel ein jähes Ende fand, änderte sich die Gemengelage. Dynamo wurde vom westdeutschen Bauunternehmer Rolf-Jürgen Otto übernommen, die Veruntreuung von Geldern hatte den Lizenzentzug für Dynamo zur Folge. Verschwörungstheorien machten die Runde, das Stadion verwaiste zunehmend. Erst der aufkommenden Ultra-Bewegung gelang es wieder, die Ränge zu füllen. Mit ihr veränderte sich auch die Publikumsstruktur, man ging jetzt ins Stadion um Spaß zu haben, um "Bimbes zu machen". Angezogen von Party und Pyro fanden dann auch zunehmend gewaltbereite Menschen den Weg in den K-Block.

Zum Ende des Abends las Frank Willmann drei Kurzgeschichten aus seinem jüngst erschienenen Buch Kassiber aus der Gummizelle. "Die Zukunft des deutschen Fußballs – kleine Rebellenkunde" gewährt einen Blick ins Jahr 2063. Das Endspiel um die "echte" deutsche Fußballmeisterschaft wird vor 50.000 Zuschauern im Stadion von Hannover ausgetragen. Zur gleichen Zeit verfolgen 1.000 VIP's in der Finanz-Arena in München das Finale der DFB-Meisterschaft, das zum 50. Mal in Folge Bayern München und Borussia Dortmund bestreiten.

"Wie ich dreimal Weltmeister wurde" spannt den Bogen vom Titelgewinn der westdeutschen Nationalmannschaft 1974, den Willmann vor dem elterlichen Fernsehgerät der Marke Color 21 erlebte, zu einer abgehalfterte Künstlergalerie in Köln 1990, bis hin zu Selfies mit der Kanzlerin im "Schland" des Jahres 2014.

"Balzen und bolzen" schließlich erzählt vom vergeblichen Versuch des kleinen Icke, am FKK-Strand mit seinen Fußballkünsten das Herz der von ihm angebetete Isabella zu erobern. Ein bittersüßer Abschluß eines spannenden Fußballabends im Fanladen Offenbach.

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Frank Willmann
Stadionpartisanen nachgeladen - Fußballfans und Hooligans in der DDR
NOFB Shop 2013, 464 Seiten
27,90 Euro

Frank Willmann
Kassiber aus der Gummizelle - Geschichten vom Fußball
Verlag die Werkstatt 2015, 160 Seiten
9,90 Euro

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