8. Februar 2015

Alemannia Aachen - Rot-Weiss Essen 1:0

Eigentlich beginnt die heutige Geschichte bereits vor drei Monaten. An einem grauen Novembermorgen fragte mich Julian, den ich bis dahin lediglich aus Facebook kannte, ob ich nicht Lust hätte, im Februar mit zum Spitzenspiel der Regionalliga West zwischen Alemannia Aachen und Rot-Weiss Essen zu fahren. Natürlich hatte ich Lust.

Dazu muss ich erwähnen, dass Julian zwar in der Nähe von Marktheidenfeld wohnt, sein Herz aber schon früh an Rot-Weiss Essen verloren hat. Als Vereinsmitglied und Dauerkarteninhaber legt er wann immer möglich die 600 Kilometer zwischen dem schönen Unterfranken und der Metropole im Ruhrgebiet zurück, um den Verein seines Herzens auch in der Viertklassigkeit zu unterstützen.

Dank Julian nahm also die quälend lange Winterpause etwas früher ein Ende, denn während die Regionalliga Südwest noch bis Ende des Monats im Winterschlaf liegt, wird im Westen schon wieder fröhlich gegen den Ball getreten. Zum Auftakt ins Fußballjahr 2015 stand dort gleich der Schlager schlechthin auf dem Spielplan. Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen, der Tabellenführer gegen den Zweiten, Insolvenz 2013 gegen Insolvenz 2011, verarmter Fußballadel unter sich. Da fühlt man sich als Offenbacher natürlich heimisch.

Strahlender Sonnenschein am Samstagmorgen, zwar vier Grad unter dem Gefrierpunkt, aber doch viel schöner, als das ewig graue Depressionswetter der vergangenen Wochen. Viel schneller als gedacht erreichen wir Aachen, schon zwei Stunden vor dem Anpfiff sind wir in der Kaiserstadt. Die Infrastruktur rund um den 2009 eröffneten neuen Tivoli lässt nur wenige Wünsche offen. Die An- und Abfahrt klappt problemlos, auf dem riesigen Gästeparkplatz direkt hinter der Tribüne genießen wir noch ein wenig die Sonnenstrahlen, bevor es hinauf auf die kalten Stehränge geht. Überall entsteigen heiter gestimmte Menschen ihren Fahrzeugen mit vorwiegend Essener Kennzeichen. Ein sehr freundlicher und sehr beleibter älterer Herr erzählt uns von Spielen der Rot-Weissen Anno 1963. Damals war selbst ich noch nicht auf dieser schönen Welt.

Mit dem neuen Tivoli haben sich die Alemannen ein echtes Schmuckkästchen gegönnt, auch wenn dieser Segen schnell zum Fluch wurde, denn die ausufernden Baukosten waren mit der Hauptgrund für die Insolvenz vor zwei Jahren. Erst zum zweiten Mal in seiner noch kurzen Historie war der Aachener Fußballtempel gestern ausverkauft. 30.313 Fans besuchten das "Champions-League-Finale des kleinen Mannes", wie meine Kollegen von Im Schatten der Tribüne die Begegnung am Tivoli so wunderbar beschrieben haben. Eine neue Bestmarke für die Regionalliga, nie zuvor wollten mehr Menschen eine Partie in der vierten Spielklasse verfolgen. Unter ihnen 5.000 Anhänger aus Essen, die die Nordtribüne vollständig besetzen.

Die Zeit bis zum Anpfiff vergeht schnell. Es gibt alkoholfreies Bitburger und eine Bratwurst, die nicht zu den schmackhaftesten dieser Republik gehört, Ultras verteilen Luftballons und aufblasbare Plasikschläuche für die Choreographie zum Spielbeginn. Die Fans aus Essen singen sich langsam warm, ihr Liedgut ist um einiges herzhafter als die Texte, die ich vom Bieberer Berg gewöhnt bin. Ich bekomme jedenfalls einige echte Juwelen zu hören, die an dieser Stelle aus Rücksicht auf meine sensibleren Leser lieber nicht zitiert werden. Es ist angerichtet zum Westgipfel.

Rot-Weiss Essen übernimmt gleich zu Spielbeginn das Kommando, schon nach drei Minuten trifft Tim Hermes mit einem Weitschuß die Latte. Die Alemannen setzen ganz offensichtlich auf ihre stabile Abwehr und lauern auf Konter. Es entwickelt sich ein kampfbetonte Partie ohne spielerische Glanzpunkte. Nach einer halben Stunde die erste Chance für die Hausherren, die der Essener Torhüter Heimann glänzend pariert. Zehn Minuten später dann der Führungstreffer für Aachen. Wiederum nach einer Ecke erzielt Behrens per Kopf die bis dahin schmeichelhafte Führung für die Gastgeber.

In der zweiten Hälfte dann ein anderes Bild. Alemannia Aachen bestimmt jetzt das Geschehen, und als in der 71. Minute der Essener Verteidiger Weber nach einer gelb-roten Karte den Platz verlässt, macht sich im Fanblock der Rot-Weissen langsam Resignation breit. Zwar werfen die Jungs von der Hafenstraße in den Schlußminuten nochmals alles nach vorne, es bleibt aber beim letzten Endes nicht unverdienten 1:0.

Nach diesem Sieg und dem Dopingurteil gegen Cebio Soukou hat Alemannia Aachen nun vier Punkte Vorsprung auf Essen. Zwei Punkte hinter RWE lauert die U23 von Borussia Mönchengladbach, die aber bislang zwei Spiele weniger ausgetragen hat. Bei noch 14 ausstehenden Begegnungen verspricht die Saison also Spannung bis zum letzten Spieltag. 

Ich drücke meinen Freunden aus Essen jedenfalls beide Daumen im Aufstiegskampf. Rot-Weiss Essen und Kickers Offenbach in der 3. Liga, diese Vorstellung hat durchaus ihren Charme. Wie auch immer es kommen mag, war die Partie gestern sicher nicht meine letzte Begegnung mit RWE. Nochmals vielen Dank an Julian und seine Freundin Theresa für diesen wunderbaren Fußballtag!

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Alemannia Aachen - Rot-Weiss Essen 1:0
Samstag, 7. Februar 2015, 14.00 Uhr
Tivoli, 30.313 Zuschauer











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