24. November 2014

Mythos Benfica

235.000 Vereinsmitglieder hat Benfica, und nicht nur Bayern-Präsident Hopfner reibt sich angesichts dieser Zahl verwundert die Augen. Kann es mit rechten Dingen zugehen, wenn ein Klub aus dem kleinen, krisengebeutelten Portugal angeblich mehr Mitglieder hat, als die Bayern oder Barcelona? Es kann, wenn man ein wenig die Hintergründe kennt.

Die großen Drei


Traditionell unterstützt jeder Portugiese einen der großen drei Vereine des Landes, die die nationale Meisterschaft seit 1934 praktisch unter sich ausmachen. Neben Benfica sind dies der FC Porto und Sporting Lissabon. Erst danach wendet sich der lusitanische Fan gegebenenfalls den Klubs aus seiner Region zu.

Die großen Drei schöpfen also aus einem enormen Anhängerpotential. Unangefochtener Platzhirsch ist dabei Rekordmeister Benfica. Laut einer Studie der UEFA vom November 2012 bekennen sich 47 Prozent aller Portugiesen zu den Adlern aus Lissabon, das ist die höchste nationale Fanquote in ganz Europa.

Der Faktor Sehnsucht


Spätestens nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ist Portugal zu einer Nation von Auswanderern geworden. Das Land selbst hat zwar nur 10,5 Millionen Einwohner, aber außerhalb der Landesgrenzen leben nochmals 4,8 Millionen Portugiesen. Die meisten Emigranten sind ihrem Heimatland emotional eng verbunden geblieben und dokumentieren dieses Zugehörigkeitsgefühl unter anderem über den Fußball. Auch wenn ich selbst kein Portugiese bin, gehöre ich in gewisser Weise selbst zu dieser Kategorie.

Benfica hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, die Auslandsportugiesen noch enger an den Klub zu binden. Es existieren inzwischen weltweit mehr als 230 "Casa Benfica" genannte Vereinsheime. Benficas Fernsehsender BTV kann in Ländern mit großen portugiesischen Kolonien wie Frankreich und Luxemburg, den USA und Kanada oder auch Angola und Mosambik abonniert werden.

Im vergangenen Jahr erhielten alle im Ausland lebenden "Sócios" einen personalisierten Fanschal sowie eine neue Mitgliedskarte, die sie als "Embaixador Benfica", als Botschafter Benficas in ihrem jeweiligen Land ausweisen.

Bereits seit 2009 bietet der Verein auch die Möglichkeit, online an der Präsidentenwahl teilzunehmen, was zuvor nur in den Wahlkabinen im Stadion und in einigen größeren Städten möglich war.

Demokratische Strukturen


Benfica ist der Verein des Volkes, selbst während der Salazar-Diktatur pflegten die Adler eine demokratische Kultur der Mitbestimmung. In Zeiten, in denen immer mehr Klubs von ausländischen Investoren übernommen werden, lautet das Motto noch immer "Benfica gehört den Mitgliedern". In der Satzung ist festgeschrieben, dass der Verein stets Mehrheitseigner der Fußball-AG bleiben muss.

Präsident Luís Filipe Vieira, seit 2003 im Amt, will die Marke von 300.000 Mitgliedern erreichen. Immer wieder betont er, dass die Stärke des Vereins in der Anzahl seiner Mitglieder begründet liegt. Dies gilt grundsätzlich natürlich für jeden Verein der Welt, hat aber im Fall von Benfica eine zusätzliche Bedeutung, da man im kleinen Portugal durch Sponsoring oder Fernsehrechte keine vergleichbaren Erlöse erzielen kann, wie Klubs aus größeren oder reicheren Nationen, mit denen man bei Spielertransfers und in den europäischen Wettbewerben konkurriert.

Viele Vorteile, auch außerhalb des Stadions


Anders als bei Vereinen in Deutschland üblich, zahlen die Mitglieder Benficas nur die Hälfte des regulären Eintrittspreises im heimischen Estádio da Luz, auch Dauerkarten sind dementsprechend günstig. Darum wird jeder halbwegs regelmäßige Stadionbesucher natürlich Vereinsmitglied.

Dazu bietet Benfica seinen "Sócios" durch die Kooperation mit Partnerunternehmen inzwischen auch außerhalb des Stadions viele Vorteile. Vereinsmitglieder erhalten Ermäßigungen bei mehr als 100 Unternehmen, darunter CP (Eisenbahn), EDP (Energieversorgung), MEO (Pay-TV), NOS (Kinos), Repsol (Tankstellen), Adidas, Douglas, Europcar oder McDonalds. Ein Freund von mir spart alleine durch die Rabatte beim Erdgas und Tanken mehr als seinen jährlichen Mitgliedsbeitrag in Höhe von 140 Euro ein.

Erfolg macht sexy


Auch wenn der FC Porto in den letzten Dekaden fleissig Titel sammelt, bleibt die Trophäensammlung Benficas unübertroffen. 33 nationale Meistertitel, 25 Pokalsiege, zwei Erfolge im Europapokal der Landesmeister, dazu insgesamt 13 Teilnahmen an Endspielen europäischer Wettbewerbe: Kaum ein Verein in Europa gibt seinen Anhängern mehr Grund zum feiern.

Mehr als ein Fußballverein


Trotz aller Erfolge ist Benfica weit mehr als nur ein Fußballklub. Insgesamt 29 Sportarten werden im Verein praktiziert, neben Basketball, Futsal, Handball, Hockey, Leichtathletik oder Volleyball werden auch Randsportarten wie Kickboxen, Rugby, Schach, Segeln oder Sportfischen angeboten. In vielen dieser Kategorien zählen Benficas Athleten ebenfalls zur nationalen und internationalen Spitze.

Es gibt also mehr als nur einen Grund, warum die "Nation Benfica" seit vielen Jahren der mitgliederstärkste Klub der Welt ist, selbst wenn das manch ein Konkurrent nicht immer wahrhaben will. Natürlich kann es irgendwann einem Verein gelingen, noch mehr Mitglieder um sich zu scharen, als Benfica. Für mich ist diese Frage eigentlich zweitrangig, denn die Adler aus Lissabon werden immer zu den ganz großen Namen des Weltfußballs gehören.

Kommentare:

  1. " Benficas Fernsehsender BTV kann in Ländern mit großen portugiesischen Kolonien wie Frankreich und Luxemburg, den USA und Kanada oder auch Angola und Mosambik abonniert werden."

    Fast wie 2006 in Köln: "Viva Colonia"

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  2. So toll können die Fans nicht sein oder wie erklärt ihr es euch, dass die Spiele nicht immer ausverkauft sind?! - Es kommt nicht immer auf die Anzahl - siehe Bayern! Aber sehr interessanter Artikel

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    1. Du hast recht, die Zuschauerzahlen stehen zunächst im Widerspruch zu den Mitgliederzahlen. Bei Benfica macht sich besonders bemerkbar, dass sehr viele Mitglieder nicht im Großraum Lissabon wohnen. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die die Leute in Portugal aus den Stadien fernhalten. Zu diesem Thema habe ich schon einen Beitrag geschrieben: http://www.blogrotundweiss.de/2013/08/leere-range-in-portugal.html

      Vielen Dank für deinen Kommentar, ich würde mich freuen, wenn Du wieder mal im Blog vorbeischaust!

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