9. Oktober 2014

Das Stadion ist kein politikfreier Raum

Am vergangenen Sonntag kam es vor und während des Zweitligaspiels zwischen Darmstadt 98 und Fortuna Düsseldorf zu Handgreiflichkeiten zwischen verschiedenen Fangruppen der Gäste, die vom Verein Fortuna Düsseldorf in einer Presseerklärung zusammengefasst wurden:

"Vor dem Einlass ins Stadion am Böllenfalltor ist es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung gekommen, nachdem einige Fortuna-Fans bei einer Person das Tragen bestimmter Kleidung, die dem rechtsradikalen Milieu zuzuordnen ist, beanstandet haben. ... In Folge dieser Auseinandersetzung kam es im Block zu einem weiteren Angriff von Einzelpersonen aus dem Hooligan-Umfeld."

Der von mir sehr geschätzte Fortuna-Blog Rhyan Depesche hat gestern als Reaktion auf die Vorkommnisse in Darmstadt den Beitrag "Back to the roots! Politik hat im Stadion nichts verloren!" veröffentlicht und damit im Forum von 15*30 Die Fußballblogs eine lebhafte Debatte losgetreten, in der es im Kern eben darum geht, ob politische Themen überhaupt etwas im Stadion zu suchen haben.

Eines vorweg: Ich kann die Frustration des Autors gut verstehen. Da fährt man sonntags viele Kilometer, um seinen Verein bei einem Auswärtsspiel zu unterstützen, aber die Freude über den eindrucksvollen Sieg in der Fremde wird überdeckt von politisch motivierten Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Fanszene. Wer würde sich da nicht wünschen, dass die Politik einfach draussen bleibt, und man ungestört das tun kann, weswegen man eigentlich angereist ist, nämlich ein Fußballspiel zu verfolgen.

Ein Verein, ganz egal ob er sich nun mit Fußball oder der Kaninchenzucht beschäftigt, bewegt sich aber inmitten unserer Gesellschaft. Er ist eine Vereinigung von ansonsten ganz unterschiedlichen Individuen, die im Falle eines Fußballklubs neben rein sportlichen Zielen auch wirtschaftliche und politische Anliegen verfolgen. Ob es dabei um Zuschüsse der öffentlichen Hand oder um Fragen der Stadionsicherheit geht, immer ist die Politik mit im Spiel.

In zunehmendem Maße werden darüber hinaus an Fußballklubs, die nicht selten florierende mittelständische Unternehmen sind, auch aus der eigenen Anhängerschaft heraus Erwartungen gerichtet, die über die Verpflichtung eines neuen Stürmers hinaus gehen, und sich am besten mit dem schönen Begriff der Unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung beschreiben lassen.

Denn eines ist sicher: Es macht in der öffentlichen Wahrnehmung einen gewaltigen Unterschied, ob sich ein Fußballverein mit der Strahlkraft von Bayern München oder Borussia Dortmund bei Themen der Nachhaltigkeit, der Homophobie oder des Rassismus engagiert, oder ob dies ein Zulieferer der Automobilindustrie mit vergleichbarer Umsatzgröße tut.

Deshalb ist es in meinen Augen auch nur konsequent und lobenswert, wenn sich Fans im Stadion gegen jede Form von Extremismus engagieren, wann immer dies notwendig ist. Es geht mir wohlgemerkt nicht darum, Gewaltanwendung zu legitimieren. Dass Gewalt ein ungeeignetes Mittel der Konfliktlösung ist, steht für mich nicht zur Debatte. Es geht auch nicht darum, bei jedem Heimspiel 90 Minuten lang in Sprechchören den Weltfrieden oder die Abschaffung der Sektsteuer zu fordern, denn dafür gibt es geeignetere politische Bühnen.

Aber der Fußball steht nun mal inmitten unserer Gesellschaft, und kann sich nicht von den Fragen abkoppeln, die diese bewegen. Aus diesem Grund kann auch das Stadion niemals ein politikfreier Raum sein.

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