26. Mai 2014

Gästeblog: Ellenfeldstraße

Nicht nur auf dem Bieberer Berg wird gegen den Ball getreten und darüber geschrieben. Im "Gästeblog" möchte ich während der Ligapause einige Fußball-Blogger vorstellen, die abseits der kommerziellen Medien eine sehr persönliche Sichtweise auf die Ereignisse rund um die Fußballplätze dieser Republik haben.

Erster Besucher im neu errichteten Gästeblog ist heute Tobias Fuchs, der sich in seiner wunderbaren "Ellenfeldstraße" mit der Fußballkultur im Saarland beschäftigt.

Tobias, in deinem Blog schreibst Du über Fußballkultur im Saarland. Wie kam der Blog überhaupt zu seinem Namen?
Ich bin im Ellenfeld-Stadion aufgewachsen, bei Borussia Neunkirchen, einem saarländischen Traditionsverein, der früher in der Bundesliga spielte. Dagegen war die Gegenwart nie allzu erbaulich. Deshalb habe ich früh angefangen, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Heute bin ich öfter in Archiven und Bibliotheken als live im Stadion. Mit einem Freund habe ich ein Buch über das Ellenfeld-Stadion gemacht und einen Geschichtsverein gegründet, den Ellenfeld e.V. Wir betreuen auch das Archiv von Borussia Neunkirchen. Ich merke immer wieder, wie sehr mein Zugang zum heutigen Fußball durch diese Sozialisation bestimmt wird. Deshalb ist der Blog nach der Ellenfeldstraße nahe des Neunkircher Stadions benannt, einer kleinen Seitenstraße. Ich fand, dieser Name trifft den Weg, auf dem ich mich meinen Themen nähere.

Fußballbegeistert zu sein ist eine Sache, aber regelmäßig darüber zu schreiben macht nicht nur Freude, sondern auch ziemlich viel Arbeit. Wie entstand die Idee zu deinem Blog, was motiviert dich weiterzumachen?
Ich hatte schon länger über einen Blog nachgedacht, als 2013 neue Pläne für das Ludwigspark-Stadion des 1. FC Saarbrücken vorgestellt wurden. Statt eines lange anvisierten Neubaus sollte es plötzlich eine Sanierung des historischen Stadions geben. Das fand ich gut. Darüber wollte ich ausführlich schreiben, um mich an der kontroversen Debatte über das Stadion zu beteiligen. Also habe ich kurzerhand einen eigenen Blog an den Start gebracht – wegen eines einzigen Themas. Heute blogge ich, wenn es mir bei einem Thema in den Fingern kribbelt, also eher spontan als kontinuierlich. Das ist die kleine Freiheit, die ich mir als Blogger gönne.

Gibt es bestimmte Themen, die Dir besonders am Herzen liegen?
Mir geht es immer um eine historische Perspektive auf den Fußball. Oft und gerne nehme ich Details in den Blick. Einer meiner ersten Beiträge drehte sich um die Autos von Fußballern in der frühen Bundesliga, ein anderer um eine Stellenanzeige, die ein Metzgermeister aus Elversberg im Jahr 1922 in einer Fußballzeitschrift platzierte. Die alten Stadien im Saarland sind mir eine Herzensangelegenheit, die haben einen Stammplatz im Blog. Darüber hinaus sorge ich mich um die Klubs an der Schwelle zum Profifußball, zwischen dritter und fünfter Liga. Da sind ja heute leider auch die Offenbacher Kickers zu finden. Diese Sorge ist der gemeinsame Nenner vieler Beiträge.

Journalisten träumen vom ultimativen "Scoop", aber auch Blogger freuen sich über Feedback. Welche Beiträge in deinem Blog hatte bislang die größte Resonanz?
Die größte Resonanz hatten im vergangenen Jahr wohl die Beiträge über Fußballstadien im Saarland und zwei Artikel zum „Phantomtor“ von Stefan Kießling. Dazu musste ich einfach etwas machen, weil das erste Wiederholungsspiel nach einem „Phantomtor“ in Neunkirchen stattfand. Zuletzt gab es viel Feedback zu einem Text über die Abhängigkeit des unterklassigen Fußballs von einzelnen Geldgebern. Aufhänger war eine Petition gegen die Zweitliga-Lizenz für RB Leipzig. Oft geteilt wurde ein Nachruf auf den Sportfotografen Ferdi Hartung, den ich sehr verehre. Das hat mich ziemlich gerührt.

Welche Blogs liest Du selbst gerne, wenn Du nicht gerade mit der Ellenfeldstraße beschäftigt bist?
Weil ich schon lange nicht mehr im Saarland lebe, gehören die Fußballblogs aus der Region zu meiner Pflichtlektüre. Da gibt es vor allem „Das FCSBlog“ aus Saarbrücken und „Stahlwerk“, einen Blog über Borussia Neunkirchen. Eine feste Anlaufstelle ist für mich auch der „Fußballglobus“ von Hardy Grüne, den ich seit einer Ewigkeit kenne und sehr schätze. Ansonsten lese ich ziemlich viel in der Breite und lasse mich gerne von Kontakten in Sozialen Netzwerken und der Blogschau von „Fokus Fußball“ leiten. Auch wenn man durch diese Filter leider nicht alles mitbekommt, was lesenswert ist.

Was verbindest Du mit Kickers Offenbach? Du kannst ruhig ehrlich sein...
Kickers Offenbach war für mich immer schon ein faszinierender Klub. Ich erinnere mich noch an die ersten Ausgaben des Fanzines „Erwin“, die ich ergattern konnte, an Aufnahmen vom brennenden Bieberer Berg. Leider habe ich den OFC nur einmal spielen sehen – bei einem Hallenturnier in Saarbrücken. Dort sorgte ein ziemlich beleibter Kickers-Fan mit indianischem Kopfschmuck, freiem Oberkörper und Jogginghose für Aufsehen. Ich bilde mir ein, dass er am Ende nackt über den Platz lief. Solch verwegene Typen gab es im durchaus schrägen Neunkirchen nicht. Ansonsten verbinde ich mit Kickers Offenbach das legendäre Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Eintracht Frankfurt, natürlich auch den Bundesligaskandal – und viele bekannte Namen, allen voran Erwin Kostedde. Intensiv verfolgt habe ich auch die Jahre unter Hans-Jürgen Boysen in den späten Neunzigern, die Meisterschaft in der Oberliga Hessen, das Flutlichtspiel in Mannheim gegen Memmingen und die aufregende Zeit danach. Wenn ich mit dem ICE durch Offenbach fahre, zieht das in meiner Erinnerung alles an mir vorbei, und das ist finde ich immer atemberaubend.

Links zum Beitrag:
Blog Ellenfeldstraße
Ellenfeld. Verein für die Kulturgeschichte des Fußballsports in der Saargegend.
Buch "100 Jahre Ellenfeld-Stadion"

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