27. April 2014

"Ausbildungsverein bleiben, Erfolgsverein werden!"

Die erste Saison der Offenbacher Kickers in der Regionalliga geht dem Ende entgegen, das Insolvenzverfahren der GmbH steht vor dem Abschluss. Neben rein sportlichen Belangen beherrscht in den letzten Monaten die Diskussion über die künftige strategische Ausrichtung unseres Vereins die Schlagzeilen. Insolvenzverwalter Dr. Andreas Kleinschmidt und Geschäftsführer David Fischer nehmen in einem bemerkenswert offen geführten Gespräch Stellung zu Fakten und Befindlichkeiten rund um den Bieberer Berg.

Frage: Herr Dr. Kleinschmidt, das Insolvenzverfahren soll im Juni abgeschlossen werden. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Dr. Kleinschmidt: Wir sind auf der Zielgeraden. Der Zeitplan steht, ich gehe davon aus, dass wir ihn einhalten. Aktuell sind wir in den letzten Abstimmungen, danach müssen die Gläubiger entscheiden. Ich werde einen Plan vorlegen, der die Interessen der Gläubiger berücksichtigt, aber dem OFC auch genug Luft lässt, um sich sportlich und wirtschaftlich zu entwickeln. Keiner hat etwas davon, wenn das Pendel zu sehr nach einer Seite ausschlägt, ein gesunder Mittelweg ist hier das Richtige. Letzten Endes ist das aber die Entscheidung der Gläubiger, die ich nicht vorweg nehmen kann. Eine Besonderheit ist sicherlich, dass es vielen Gläubigern nicht ausschließlich um ihr Geld geht. Ihnen ist auch wichtig, dass es bei Kickers Offenbach ordentlich weitergehen kann.

Frage: Welche Hürden mussten Sie in den letzten Monaten bei der Erstellung des Insolvenzplans überwinden?

Dr. Kleinschmidt: Zunächst hat es viel Zeit gekostet, Anfechtungsansprüche auf Zahlungen geltend zu machen, die vor der Insolvenz erfolgt sind und die man unter gewissen Umständen zurückholen kann. Das hat sich gelohnt, denn dadurch wurde Geld für die Gläubiger generiert. Das gehört für einen Insolvenzverwalter aber zum normalen Handwerkszeug. Die größte Herausforderung lag ganz klar im operativen Geschäft. Was die Mannschaft anbetrifft, mussten wir im Sommer letzten Jahres fast bei Null anfangen. Dazu kamen schwierige Mietverhandlungen mit der Stadt, die das Überleben der Kickers erst gesichert haben. Das alles in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen war nicht einfach. Wir wussten zu Beginn nicht, ob Fans und Sponsoren mitspielen. In den ersten drei Wochen haben Herr Fischer und ich oft hier gesessen und gesagt „Dann geht es eben nicht“. Damals stand das Schicksal von Kickers Offenbach auf Messers Schneide. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir heute hier sitzen.

David Fischer: Vorab darf man nicht vergessen, dass viele Fans, Sponsoren und Dienstleister durch die Insolvenz viel Geld verloren haben. Unter diesen Tiefschlag war insbesondere die erste Phase der Insolvenz geprägt und damit auch die Gestaltung des Insolvenzplans. Wir konnten im letzten Sommer glücklich sein, überhaupt noch von der Regionalliga zu sprechen und die war nur durch die überragende Unterstützung von unseren Fans, Sponsoren und Unterstützern möglich.

Frage: Bei allen Ambitionen kann man sicher gar nicht oft genug in Erinnerung rufen, wie es im vergangenen Sommer um den OFC bestellt war. Seither wurde am Bieberer Berg sehr viel geleistet. Muss das nicht auch in der kommenden Spielzeit in den Hinterköpfen aller Beteiligten bleiben?

David Fischer: Es ist gut ambitioniert zu sein. Man darf dabei aber nicht den realistischen Blick darauf verlieren, woher wir eigentlich kommen, auch wenn das der eine oder andere nicht mehr hören möchte. Wir wollen uns auf allen Ebenen weiterentwickeln. Das fängt bei der Mannschaft an, bei der es sehr viele positive Entwicklungen gibt. Einen Großteil unserer Truppe kannte zu Saisonbeginn kaum einer, inzwischen sind einige Spieler begehrt weil sie sich gut entwickelt haben. In einer turbulenten Saison haben wir die Jungs mit Ruhe und Vertrauen in ihren Fähigkeiten bestärkt. Nachdem wir acht Spiele lang nicht gewonnen haben, wäre früher der Trainer in Frage gestellt worden. Das haben wir nicht getan weil uns bewusst war, dass es bei einem so jungen Team Wellenbewegungen geben kann. Wir dürfen nicht in alte Verhaltensmuster verfallen und gleich wieder von der Bundesliga träumen. Wir müssen lernen, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Natürlich haben wir alle Ziele, aber diese müssen realistisch sein und wir müssen sie leisten können. Machbar ist, was bezahlbar ist.

Dr. Kleinschmidt: Wenn man die Schwierigkeiten vor Saisonbeginn bedenkt, können wir sehr zufrieden auf die laufende Spielzeit zurückblicken. Wir haben eine Hinrunde mit Höhen und Tiefen erlebt und dabei Geduld bewiesen, was wichtig war. Dass auch die Fans geduldig waren, hat uns sehr geholfen. Dass sich die Mannschaft nach den anfänglichen Irrungen und Wirrungen in der Rückrunde gefunden hat zeigt, dass wir es richtig gemacht haben. Der Trainer und die Mannschaft haben zueinander gefunden, wir haben sportlich und auch wirtschaftlich Erfolg, was in den letzten 20 Jahren bei Kickers Offenbach wahrlich nicht der Fall war. Wir geben jetzt nicht mehr aus als wir einnehmen, was wichtig ist, um in der Krise verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen. Wir sind inzwischen auf einem soliden Fundament unterwegs, auf das man aufbauen kann und hoffentlich auch aufbauen wird.

Frage: Herr Dr. Kleinschmidt, Sie sind seit Juni 2013 zu einer der populärsten Figuren am Bieberer Berg geworden. Viele Fans haben den Eindruck, dass mit Ihnen endlich wieder wirtschaftliche Vernunft bei Kickers Offenbach Einzug gehalten hat. Besteht die Möglichkeit, dass Sie sich über den Sommer hinaus für den OFC engagieren?

Dr. Kleinschmidt: Das freut mich, wenn das so ist, denn das wäre für einen Insolvenzverwalter nicht selbstverständlich. Offizielle Funktionen kann ich nicht übernehmen da der Insolvenzplan einen gewissen Nachlauf haben wird, in der ich vermutlich vom Gericht für drei Jahre als „Planüberwacher“ eingesetzt werde, um auf die Einhaltung der vorgesehenen Regelungen zu achten. Ich werde also auch in den nächsten drei Jahren noch in mehr oder weniger offizieller Funktion hier sein. Zwar ohne unmittelbaren Einfluss auf das operative Geschäft, gleichwohl aber in einer gewissen Wächterfunktion. Darüber hinaus werde ich mir mit Sicherheit auch privat weiter Spiele anschauen, so wie ich es ja auch jetzt gern mache.

Frage: David Fischer, Du bist schon relativ jung Geschäftsführer der Profi-GmbH geworden und hast in den letzten 18 Monaten beim OFC viele Tiefen erlebt. Im Juni 2013 musstest Du den Insolvenzantrag stellen, zwei Monate später durchsuchte die Staatsanwaltschaft deine Privatwohnung. Macht es da eigentlich noch Spaß, für Kickers Offenbach tätig zu sein?

David Fischer: Ja, ich komme jeden Tag mit Spaß und Freude zur Arbeit. Du hast natürlich Recht, bislang war die Zeit in der ich als Geschäftsführer tätig bin sehr ereignisreich. Für mich ist es aber ein großes Privileg, im Fußballgeschäft und speziell für einen Verein wie Kickers Offenbach arbeiten zu dürfen. Zu sehen, mit welcher Leidenschaft die Fans hinter dem Verein stehen ist alleine schon Antrieb genug, um sich jeden Tag den Hintern aufzureißen. Ein paar Dinge hätte ich mir natürlich trotzdem gerne erspart. Jeder, der schon mal eine private Hausdurchsuchung erlebt hat weiß, wie unangenehm das ist.

Frage: Bei aller Begeisterung für den Fußball hast Du aber eine sehr undankbare Aufgabe, denn bei Rückschlägen wird die Verantwortung schnell bei der Geschäftsführung gesucht, während bei Erfolgen kaum jemand David Fischer auf dem Zaun vor der Waldemar-Klein-Tribüne sehen will?

David Fischer: Wenn es erfolgreich läuft, dann sorgt an vorderster Front die Mannschaft sowie das Trainerteam dafür und sie sollen bitte dafür gefeiert werden und genau so unterstützt werden, wenn es einmal nicht so läuft. So leben es unsere Anhänger ja vor. Mir war von Anfang an klar, dass es viele positive aber natürlich auch einige negative Seiten gibt. Wir sind in einem sehr emotionalen Umfeld tätig, in dem nicht alle Reaktionen logisch erklärbar sind. Da häufig auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen, stößt dies nicht immer auf Zustimmung. Dessen war und bin ich mir bewusst, denn trotz meines jungen Alters kann ich inzwischen auf neun Jahre Erfahrung im Fußballgeschäft zurückblicken. Sicherlich gab es gerade im letzten Sommer Tage, die sehr viel Kraft gefordert und an den Nerven gezehrt haben. Da muss man dann stabil sein.

Frage: Nach wie vor steht auch die Möglichkeit im Raum, dass der Insolvenzverwalter sowohl die ehemaligen Geschäftsführer Kalt und Hambückers als auch Dich wegen Insolvenzverschleppung in Regress nimmt, weil trotz absehbarer Zahlungsunfähigkeit noch Geschäfte getätigt wurden. Belastet das nicht ungemein die tägliche Zusammenarbeit mit Dr. Kleinschmidt?

David Fischer: Natürlich ist das im Hinterkopf immer präsent. Es gibt ja mehrere Sachverhalte. Zum einen die Staatsanwaltschaft mit der Hausdurchsuchung vor dem Spiel in Hoffenheim, basierend auf der Selbstanzeige von Thomas Kalt. Und dann eben unsere Zusammenarbeit, die sehr vertrauensvoll ist. Mit der Aufarbeitung der Vergangenheit gehen wir absolut offen um. Dazu gehört eben auch, dass Dr. Kleinschmidt eventuelle Ansprüche prüfen muss.

Dr. Kleinschmidt: Wenn da etwas ist, wird man das klären. Das ist mein Job. Wir würden aber sicherlich vernünftige Lösungen finden, falls es etwas zu lösen gibt und gehen offen und fair auch mit derartigen Themen um. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber auch sagen, dass die letzten neun Monate so nicht möglich gewesen wären, wenn sich Herr Fischer nicht in der Weise eingebracht hätte, in der er sich eingebracht hat. Wir mussten auch beim Personal in der Geschäftsstelle erhebliche Einschnitte machen. Alle, die jetzt dort arbeiten, arbeiten für Drei. Herr Fischer ist morgens um Acht hier und geht keinen Abend vor Zehn. Dieser Einsatz ist besonders bei der aktuellen Gemengelage sehr, sehr beachtlich. Auch für die Zukunft bin ich sehr froh, dass Herr Fischer sich hier so einbringt wie er es tut.

Frage: Kommen wir zu einem anderen Thema. Vor dem Hintergrund der aktuellen Dissonanzen interessiert mich natürlich, in wie weit die GmbH tatsächlich bei der Verpflichtung von Alfred Kaminski als Technischer Direktor Sport eingebunden war?

Dr. Kleinschmidt: Es hat seinerzeit Gespräche darüber gegeben, das sich der e.V. mit sportlicher Kompetenz verstärken will. Das wusste ich. Es wurde aber nicht darüber gesprochen, die Kompetenzen des Trainers zu verändern. Mit mir ist vorher nie über die Funktion eines sportlichen Leiters oder Geschäftsführers Sport gesprochen worden. Das wäre mit mir ja auch schon deshalb nicht machbar gewesen, weil ich Rico Schmitt im Sommer aus guten Gründen auch als sportlichen Leiter verpflichtet hatte. Schon während der Diskussion um Manfred Bender im vergangenen Sommer habe ich gesagt, dass ein Verein in der Regionalliga in dieser Situation m.E. nicht diese unterschiedlichen Positionen benötigt und sich zudem nicht leisten kann. Deshalb haben wir wie viele andere Vereine auch die Funktion des Trainers und der sportlichen Leitung in die Hände einer Person gelegt. Heute kann man sagen, das hat sich bewährt.

Dass die tatsächlich beabsichtigten Funktionen für Herrn Kaminski mit dem Trainer, dem Geschäftsführer und mir so nicht abgestimmt waren, hat natürlich für Irritationen gesorgt. Wenn man aus der Zeitung erfährt, dass jemand eine Funktion übernehmen soll, die man derzeit selbst innehat, ist das meiner Meinung nach auch nicht verwunderlich. Ich kann das zumindest verstehen. Wir haben uns dann aber sehr bemüht, klärende Gespräche zu führen und tun dies ja bis heute regelmäßig.

Denn die entscheidende Frage dreht sich ja nicht um Personen, sondern um die strategischen Ansätze: Soll der Trainer, der mit der Mannschaft arbeitet, entscheiden, wer wie und wo trainiert oder soll dies ein Geschäftsführer Sport tun und der Trainer setzt es dann um? Soll ein Trainer, der am Spielfeldrand steht, entscheiden, welche Spieler wann wie und wo auf dem Rasen stehen oder soll das ein Geschäftsführer Sport tun und der Trainer setzt es dann um? Diese Fragen sind zu beantworten.

Ansonsten sind die konzeptionellen Ansätze meines Erachtens nicht sehr streitig. Kickers Offenbach war, ist und wird immer ein Ausbildungsverein sein. Die Verantwortlichen im NLZ leisten großartige Arbeit. Gerade in der laufenden Saison haben wir teils aus der Not, immer aber auch aus Überzeugung gezeigt, wie durchlässig unsere Mannschaften sind. Was wir aber noch viel mehr werden müssen, ist ein Erfolgsverein. Ich bin fest davon überzeugt, dass man als Kickers Offenbach nicht die Zeit hat, sich fünf oder sechs Jahre lang in der Regionalliga zu etablieren, um hier aus sich selbst heraus zu wachsen. Wenn man diesen Weg ginge, würden sowohl die Fangemeinde als auch der Sponsorenkreis rapide abschmelzen. Deswegen müssen wir schon sehr bald oben mitspielen. Wir müssen vielleicht nicht zwingend in der nächsten Saison aufsteigen, aber spätestens im Jahr darauf müssen wir angreifen. Rico Schmitt hat gesagt „das Flaggschiff muss glänzen“, das sehe ich genau so. Nur dann sind wir interessant für junge Spieler, für Fans und für Sponsoren. Wenn das Flaggschiff nicht auf Kurs ist, können wir unter Deck noch so viel machen, wir werden nie die nötige Anziehungskraft entwickeln. Darum ist es so wichtig, die erste Mannschaft zu stärken ohne dabei die Jugend zu vernachlässigen. Ich denke wir haben bewiesen, dass wir das können.

Frage: Gerade weil wir in Offenbach keine Truppe aus überalterten Söldnern unter Vertrag haben, fällt es mir so schwer die aktuelle Diskussion nachzuvollziehen. Gestern war nochmals im Kicker zu lesen, dass der OFC so viele eigene Nachwuchsspieler im Kader hat wie kein anderer Regionalligist, die U23-Teams der Profiklubs einmal ausgenommen. Zudem haben wir eine der jüngsten deutschen Regionalliga-Mannschaften mit einem Durchschnittsalter von 23,2 Jahren. Wenn ich dann lese, dass ein 800 Seiten starkes Konzept zur Nachwuchsförderung entwickelt wurde, frage ich mich ob hier die richtigen Prioritäten gesetzt werden?

Dr. Kleinschmidt: Es ist gut und absolut wichtig, den Nachwuchs zu fördern. Dabei kann und muss man vielleicht auch immer noch mehr tun. Aber hier haben wir m.E. nicht den größten Nachholbedarf. Wir haben gerade in dieser Saison gezeigt, wie stark wir den Nachwuchs integrieren. Nochmals: Wir sind ein Ausbildungsverein! Ich kenne das Konzept von Alfred Kaminski nur in einem überschaubaren Maß von vier PowerPoint-Folien. Ich will das auch gar nicht kritisch beurteilen, das mag alles gut und richtig sein. Nur müssen wir sehen, wo wir derzeit stehen und worauf wir aufbauen können. Meiner Meinung nach muss der Schwerpunkt auf der ersten Mannschaft liegen, weil wir nur so die Spielräume bekommen, um auch für den Nachwuchs noch mehr zu tun. Unsere Mittel sind begrenzt, das wird auch erst einmal so bleiben. Wir haben keine Frau Holle, die morgen ihren Mantel ausschüttet und wir schwimmen dann im Geld. Dann könnte man das natürlich anders sehen. Es ist also die Frage, wann und unter welcher Konstellation man welches Konzept braucht. Wir sind zum Erfolg verdammt, davon bin ich fest überzeugt. Wenn wir fünf Jahre lang in der Regionalliga spielen, können wir uns das Stadion nicht mehr leisten und spielen vor tausend Zuschauern. Auch die Sponsoren haben dann kein Interesse mehr an uns. Das muss auf jeden Fall verhindert werden, und der Erfolg, den wir dazu brauchen, kann nur von der ersten Mannschaft kommen: Diese muss sich dazu – neben dem eigenen Nachwuchs – auch von außerhalb verstärken können. Der Zugang von Markus Müller zur Winterpause ist ein gutes Beispiel. Wenn die erste Mannschaft erfolgreich ist, haben wir auch wirtschaftlichen Erfolg und damit neue Möglichkeiten.

Es ist uns in dieser Saison unter sehr schweren Bedingungen und großen Anstrengungen gelungen, deutlich über 100.000 Euro auf Leistungsebene von der GmbH an den Verein zu transferieren. Der Verein hatte in der 3. Liga einen Zuschuss von 120.000 Euro durch die GmbH budgetiert. Wenn wir jetzt in der Insolvenz und in der 4. Liga eine ähnliche Summe leisten, zeigt das doch sehr deutlich, wie wichtig auch uns die Nachwuchsförderung ist. Ich kann mir also den Schuh nicht anziehen, dass wirtschaftliche Probleme des Vereins allein durch das aktuelle Verhalten der GmbH begründet sein sollen. Dass wir den Verein derart unterstützen konnten, war aber nur möglich, weil wir mir der ersten Mannschaft letztlich erfolgreich waren.

David Fischer: Man muss auch ehrlich zu sich selbst sein. Es gibt natürlich viele Wege die nach oben führen, aber wir müssen den richtigen Weg für Kickers Offenbach finden. Wenn man schon auf andere Vereine schaut bei denen erfolgreich gearbeitet wird, muss man auch betrachten, dass dort andere Voraussetzungen herrschen. Nehmen wir als Beispiel Mainz: Dort macht man seit vielen Jahren einen tollen Job. Aber wie viele Jugendspieler von Mainz stehen denn in der ersten Mannschaft? Auch in Freiburg, wo eine der besten Nachwuchsarbeiten geleistet wird, sagt Christian Streich ganz klar, dass er auch Qualität von außen benötigt um in der Bundesliga zu bestehen. An der Stelle muss aber auch gesagt werden, dass in unserem Nachwuchsbereich eine tolle Arbeit geleistet wird von den Trainern, Betreuern und ehrenamtlichen Kräften. Da muss man den Hut ziehen. Wir müssen hier einen Mittelweg, den Offenbacher Weg, finden. Wir sehen nicht den Verein und die GmbH sondern betrachten Kickers Offenbach ganzheitlich, und die aktuelle Mannschaft ist ein Abbild davon, das wir auf unsere Jugend und die Region setzen sowie den ein oder anderen Farbtupfer innerhalb des Teams und dem Club von extern integriert haben.

Frage: Bei der Weichenstellung für die nächste Saison kommt es entscheidend darauf an, wer tatsächlich das Sagen hat. Ende März sagt der Vereinsvorstand in einem Interview mit dem Fanradio, dass sowohl die Trainerfrage als auch die Planung für die kommende Saison ausschließlich in der Verantwortung von Dr. Kleinschmidt und Herrn Fischer liegt. Mitte April meldet die Offenbach-Post, das Präsidium habe sich schon im März gegen eine weitere Zusammenarbeit mit Rico Schmitt ausgesprochen und ihm dies auch mitgeteilt. Nur zwei Tage später lädt Präsident Lauprecht den Trainer per Pressemitteilung zum Gespräch über die gemeinsame Saisonplanung 2014/15 und die langfristige Strategie ein. Da sitze ich zuhause am Frühstückstisch und bin ratlos.

David Fischer: Die neue Spielzeit wird von Herrn Dr. Kleinschmidt, Rico Schmitt und mir geplant. Wir verhandeln zur Zeit mit Leistungsträgern wie u.a. Bäcker, Gjasula, Mangafic, Pintol oder Schulte über eine weitere Zusammenarbeit und sind zuversichtlich, zu guten Ergebnissen zu kommen. Daniel Endres hat bereits verlängert, die Innenverteidigung steht. Biggel, Korb, Maier, Müller, Schwarz und Wittke haben Verträge für die kommende Saison, ebenfalls unsere jungen Talente, das ist ein ordentliches Fundament. Obwohl wir durch die vertragliche Situation bereits ein stabiles Grundgerüst haben, schauen wir uns natürlich auch nach externer Verstärkungen um. Daneben führen wir Gespräche mit unseren Sponsoren, die aufgrund der Außendarstellung in den letzten Wochen nicht immer ganz einfach sind.

Dr. Kleinschmidt: Die Verantwortung für die erste Mannschaft liegt derzeit ganz unstreitig allein beim Insolvenzverwalter. Auch wenn der weg ist, wird er weiter ein Auge auf die Entwicklung haben. Die Entscheidungen liegen dann aber beim Geschäftsführer und dem Aufsichtsrat, in dem sich neben anderen auch Vertreter das Präsidium und des Verwaltungsrats finden. Wir haben derzeit nun einmal die rechtliche Situation, dass der Gesellschafter, vertreten durch das Präsidium, in der Insolvenzphase keine Rolle spielt. Das ist gesetzlich so vorgegeben. Trotzdem habe ich mich immer bemüht und tue das auch heute, alle Beteiligten einzubinden, weil ich gerne gemeinsame Positionen hätte. Wenn das aber nicht möglich ist, muss dennoch entschieden werden. Einen Stillstand kann und wird es nicht geben.

David Fischer: Es ist sicherlich zielführender viele Dinge intern zu besprechen als sie öffentlich zu debattieren. Ziel für die nächste Saison ist, dass wir uns qualitativ weiterentwickeln wollen und daran arbeiten wir.

Dr. Kleinschmidt: Wir sind voll handlungsfähig und planen die kommende Saison sportlich wie wirtschaftlich nach unseren Überzeugungen, die wir hier dargestellt haben. Dazu hat das Präsidium uns ja zu Recht auch aufgefordert. Ich bin sicher, dass dies der richtige Weg ist. Jeder ist herzlich eingeladen, sich hier einzubringen und den Weg mitzugestalten. Jede Hand hilft. Am Ende muss es immer um die Sache gehen. Es gab und gibt in den letzten Monaten keine Gesprächseinladung, die ich nicht wahrgenommen habe. Meine Hand war und ist immer ausgestreckt. Was wir aber brauchen, ist Respekt vor den Handelnden, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Gerade dann sollte miteinander statt übereinander gesprochen werden. Wenn jemand mit der Arbeit des Trainers oder anderer Handelnden unzufrieden ist, dann kann und muss das gesagt werden, aber bevorzugt zuerst den Betroffenen selbst. Erst dann sollte man meiner Vorstellung nach finale Beschlüsse fassen oder Stellungnahmen verfassen. Über die Beschlusslage des Präsidiums zur Trainerfrage reden wir. Entscheidungen zum Trainer müssen aber letztlich die dafür Verantwortlichen treffen. Für mich besteht hier kein Handlungsbedarf.

Frage: Wie groß ist denn die Gefahr, dass Rico Schmitt irgendwann keine Lust mehr hat, Trainer von Kickers Offenbach zu sein?

Dr. Kleinschmidt: Es gab nie einen Zweifel daran, dass sich Rico Schmitt zu den Kickers bekennt und sich hier über alle Maße engagiert. Ich schätze ihn als offenen, gesprächsbereiten und loyalen Menschen. Es ist ja auch für einen Trainer nicht leicht, mit einem Insolvenzverwalter zu arbeiten der immer nur sagt, wofür alles kein Geld da ist. Schmitt hat dies stets akzeptiert, wohl wissend, dass dadurch auch die Chancen für seinen persönlichen Erfolg als Trainer geringer werden. Deshalb stehe ich ganz klar hinter ihm und würde auch über die nächste Saison hinaus gerne mit ihm zusammenarbeiten.

David Fischer: Rico Schmitt hat im Fußballbereich schon fast jede Position ausgefüllt und hat ein großes Fachwissen sowie viele Erfahrungswerte gesammelt. Auf diese Qualitäten können wir zurückgreifen. Er arbeitet in Offenbach in permanenter Abstimmung mit dem Nachwuchsbereich. Wir können uns glücklich schätzen, einen Trainer mit dieser Qualität zu haben.

Frage: Kann man denn vor dem Hintergrund des laufenden Insolvenzverfahrens und der strategischen Diskussionen überhaupt schon seriös über Ziele für die neue Saison sprechen?

David Fischer: Wir haben nicht unendlich lange Zeit um in den Profifußball zurückzukehren. Zielsetzung für die nächste Saison ist natürlich, dass wir uns verbessern. Wir wollen in zwei Jahren in die 3. Liga. Wenn es früher klappt ist das schön, aber kein Muss. Dafür schaffen wir derzeit die Rahmenbedingungen. Nachweislich ist es zielführender eine Stammmannschaft punktuell zu verstärken, anstatt zehn Spieler wegzuschicken und zehn neue zu holen. Wir wollen mit den Leistungsträgern weiterarbeiten von denen wir wissen, was wir sportlich wie menschlich an ihnen haben, aber auch zusätzlich Qualität hinzufügen. Vom Budget her werden wir uns in der Größenordnung dieser Spielzeit bewegen, da können wir trotz DFB-Pokal keine größeren Sprünge machen. Der Pokal deckt mehr oder weniger die Einnahmen von „Kichern für die Kickers“ aus dieser Saison. Das alles wird nicht einfach. Saarbrücken wird als wahrscheinlicher Absteiger mit einem Etat von mehr als vier Millionen Euro in die Regionalliga gehen. Unser Mannschaftsetat ist für die Liga auch nicht niedrig, er liegt etwa auf dem Niveau von Koblenz, Mannheim oder Trier. Allerdings muss man dabei immer berücksichtigen, dass wir über andere Lebenshaltungskosten im Rhein-Main-Gebiet sprechen als vergleichsweise in Zweibrücken, Koblenz oder Mannheim.

Dr. Kleinschmidt: Das Ziel in der neuen Saison ist oben mitzuspielen. Dafür werden wir ein konkurrenzfähiges Budget haben. Der DFB-Pokal ist ein Ausrufezeichen, das wir auch überregional wieder präsent sind. Wir machen es uns nicht in der Regionalliga gemütlich, sondern orientieren uns nach oben. Dazu haben wir alle Voraussetzungen wenn wir uns einig sind.

Kommentare:

  1. Hallo Markus,

    danke für dieses ausführliche Interview! Im Stadion haben wir noch einige Fragen spekulativ diskutiert. Jetzt haben wir ein Stückweit mehr Klarheit!

    Klasse!

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  2. Danke an Dr.Kleinschmidt !

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