27. März 2014

Von Essen lernen?

Noch hat das Insolvenzverfahren der Offenbacher Kickers kein gutes Ende gefunden. Trotzdem sollte ein Blick nach Essen allen OFC-Fans Mut machen und im besten Fall die Verantwortlichen unseres Vereins zu ein wenig mehr Geschlossenheit motivieren.

Zwischen den Städten Essen und Offenbach gibt es nicht sehr viele Gemeinsamkeiten. Die Großstadt im Ruhrgebiet gehört mit 566.000 Einwohnern zu den zehn größten Metropolen der Bundesrepublik und ist längst aus dem langen Schatten der Kohle- und Stahlepoche getreten, in der Essen ein Zentrum der deutschen Schwerindustrie war. Heute haben dort internationale Konzerne wie Aldi Nord, E.ON, Evonik, Karstadt, RWE, Schenker oder ThyssenKrupp ihren Firmensitz. Dazu lockt die Sammlung des Museum Folkwang jährlich rund 800.000 Besucher in die Universitätsstadt.

Offenbach hingegen zählt mit 117.000 Einwohnern zu den kleineren Großstädten der Republik und hat bis heute mit den Folgen zu kämpfen, die der Niedergang der traditionellen Lederwaren- und Elektroindustrie mit sich brachte. Um so bemerkenswerter ist es, das die Fußballklubs beider Städte einiges mehr als nur die Farben Rot und Weiß oder das Attribut "Traditionsverein" verbindet.

Zur Erinnerung: Rot-Weiss Essen erlebte seine erste große Blütezeit in den 1950er Jahren. Mit dem legendären "Boss" Helmut Rahn im Sturm holte die Mannschaft aus dem Ruhrgebiet 1953 den DFB-Pokal und wurde 1955 deutscher Meister. In der gleichen Dekade errang Kickers Offenbach in den Jahren 1950 und 1959 zweimal die deutsche Vizemeisterschaft.

Insgesamt sieben Jahre verbrachte der OFC in der Bundesliga. Dem ersten Aufstieg 1968/69 folgten alles in allem vier Abstiege, die letzte Spielzeit im Oberhaus des deutschen Fußballs bestritten die Kickers 1983/84. Seit dem Insolvenzantrag im Juni 2013 spielt der OFC in der Regionalliga Südwest und trägt seine Heimspiele im neuen Sparda-Bank-Hessen-Stadion am Bieberer Berg aus, das im Juni 2012 eröffnet wurde, 25 Millionen Euro kostete und Platz für 20.500 Fans bietet. Mit einem Zuschauerschnitt von 6.300 liegen die Kickers aktuell auf Rang zwei unter allen 90 Regionalligisten. Vor den Offenbacher Kickers rangiert lediglich Rot-Weiss Essen, das bislang im Schnitt eindrucksvolle 8.100 Fans begrüßen konnte. Das Stadion Essen mit einer Kapazität für 20.650 Zuschauern wurde im August 2013 fertiggestellt, die Baukosten betrugen hier rund 30 Millionen Euro.

Wie der OFC verbrachte auch RWE insgesamt sieben Jahre in der Bundesliga. Zwischen dem ersten Aufstieg 1966/67 und dem letzten Abstieg 1976/77 mussten die Rot-Weissen insgesamt drei Mal den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Seit der Saison 2008/09 wird den Fans in Essen nur noch viertklassiger Fußball geboten. Nach der Insolvenz im Juni 2010 trat RWE sogar eine Spielzeit lang in der 5. Liga an, schaffte aber den sofortigen Wiederaufstieg. Auch in Sachen Lizenzentzug weisen beide Vereine erstaunliche Parallelen auf: Kickers Offenbach wurde 1971, 1989 und 2013 die Spielberechtigung für die jeweilige Klasse verweigert, Essen erwischte es 1991, 1994 und 2010.

Allen sportlichen Widrigkeiten zum Trotz sind Rot-Weiss Essen und der OFC nach wie vor Publikumsmagneten, die mehr Anhänger in ihre neuen Stadien locken als mancher Zweitligist. Im Gegensatz zu den Kickers haben die Essener ihr Insolvenzverfahren aber bereits erfolgreich hinter sich gebracht und konnten am 1. Juli 2011 in eine schuldenfreie Zukunft starten. Und derzeit sieht es ganz danach aus, als hätte man an der Hafenstraße die historische Chance genutzt. Zwar dümpelt Rot-Weiss aktuell in der Regionalliga West auf dem 12. Platz und entließ nach fast vierjähriger Amtszeit in der vergangenen Woche Trainer Waldemar Wrobel, was nicht bei allen Anhängern auf ungeteilte Zustimmung stieß.

Wirtschaftlich jedoch wurde der Weg der Konsolidierung so konsequent verfolgt, dass der Verein heute offensichtlich wieder auf finanziell gesunden Füßen steht. Anders als in Offenbach leistete man sich in Essen, wo noch 2010 sogar das Geld für die Grabpflege von Vereinsikone Georg Melches fehlte, erst mehr als zwei Jahre nach Abschluss des Insolvenzverfahrens einen Sportvorstand. Mit Dr. Uwe Harttgen, einem ehemaligen Bundesligaprofi von Werder Bremen, der nach dem Ende seiner Spielerkarriere als Psychologe promovierte und sechs Jahre lang das Nachwuchsleistungszentrum der Bremer leitete, wurde im Februar 2014 ein ausgewiesener Fachmann verpflichtet, um mittelfristig den Aufstieg in die 3. Liga anzugehen.

Spannend wird die Frage, ob der OFC bei allen noch zu klärenden Kompetenzfragen mit der frühen Verpflichtung von Alfred Kaminski als Sportdirektor die Weichen schneller als die Essener in Richtung eines sportlichen Aufschwungs stellen kann. In jedem Fall sollten die Verantwortlichen bei Kickers Offenbach aber einfach mal zum Telefon greifen, und sich an der Hafenstraße den einen oder anderen Rat für die Zeit nach dem Insolvenzverfahren holen. Schaden könnte es sicher nicht.

Kommentare:

  1. Hallo Markus,

    wirklich spannend und informativ! Klasse Beitrag. Ich wusste gar nicht das Essen so beliebt ist. Es ist trotz allem sehr schade, wo beide Verein derzeit "rumdümpeln"... Auf besser Zeiten und das Leben ist Rot Weiss!

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    1. Vielen Dank, Christian! Man darf sich gar nicht vorstellen was los wäre, würden beide Klubs in der zweiten Liga spielen.

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  2. Moin Kollege, sehr lesenswerter Beitrag. Aber bitte, es heißt Rot-Weiss, nicht Weiß.

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    1. Danke für den Hinweis... Ich bin beschämt und werde das sofort korrigieren!

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    2. Dafür brauchen Sie sich nicht schämen...passiert selbst der auflagenstärksten Zeitung Nordrhein-Westfalens, der WAZ, gedruckt in Essen.

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    3. Der Blog Rot & Weiß wird Rot-Weiss Essen jedenfalls künftig beim richtigen Namen nennen!

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  3. Rot-Weiss Essen ist jedenfalls in Offenbach gern gesehener Gast. War selbst schon an der Hafenstrasse und nach man fühlte sich fast wie Daheim. Freut mich das dies in diversen Blogs nun aufgegriffen wird.

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    1. Danke! Ich kann mich dem nur anschließen!

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