14. Februar 2014

(K)ein Derby in Lissabon

Während die deutsche Regionalliga noch immer in ihrem dreimonatigen Winterschlaf verharrt, stand für mich mit dem Stadtderby Benfica gegen Sporting am letzten Wochenende ein erster Höhepunkt im Fußballkalender des neuen Jahres. Eine gute Gelegenheit, um Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden, denn ich fliege gern und so oft wie möglich nach Lissabon, das für mich eine zweite Heimat ist.

Eine Heimat, über die ich übrigens regelmäßig im Blog Mein Lissabon schreibe. Unabhängig davon, ist der Klassiker der portugiesischen Hauptstadt immer eine Reise wert. Er wurde diesmal mit so viel Spannung wie seit langem nicht mehr erwartet, denn Benfica lag vor dem Derby mit gerade einmal zwei Punkten Vorsprung auf seinen Stadtrivalen an der Tabellenspitze. Da die Ansetzungen in der portugiesischen Liga meistens sehr kurzfristig erfolgen, das Spiel wurde erst eine Woche vor der Begegnung genau terminiert, buchte ich meinen Rückflug nach Frankfurt vorsichtshalber erst für den Dienstagmorgen, um das Spiel auch ja nicht zu verpassen. Nun, ich sollte es trotzdem verpassen.

Gleich nach meiner Ankunft in Lissabon am Freitagmorgen fuhr ich mit der Metro zum Estádio da Luz, um unsere Eintrittskarten für das Spiel am Sonntag abzuholen. Auf dem Weg ins Stadion machte ich Bekanntschaft mit dem Sturmtief "Stephanie", dass die Atlantikküste das ganze Wochenende über in Atem halten sollte. Starker Regen und heftige Windböen ließen meinen Aufenthalt in Lissabon nicht ganz so vergnüglich werden wie gewohnt. Aber was solls. Schließlich sind wir nicht aus Zucker und ein Derby steht auch nicht alle Tage an. So machte ich mich am Sonntagnachmittag bester Dinge auf den Weg in die "Kathedrale", eine Stunde vor Spielbeginn saß ich bereits erwartungsfroh auf der Tribüne und ließ mir Wind und Regen um die Nase wehen.

Was dann folgte, gehört zu den frustrierensten Erlebnissen, die ich bislang in einem Fußballstadion hatte. Etwa eine halbe Stunde vor dem Anpfiff regneten plötzlich Plastik- und Glaswollfetzen vom Dach der TMN-Tribüne. Auf den Rängen herrschte allgemeine Ratlosigkeit, die Vermutung machte die Runde, ein Anhänger von Sporting könne sich aufs Tribünendach geschlichen haben und dort Müllsäcke ausleeren. Unten auf dem Rasen herrschte derweilen hektische Betriebsamkeit, dutzende Ordner waren damit beschäftigt, den Müll wieder aufzusammeln.

Nachdem der Müllregen auch kurz vor Spielbeginn noch nicht nachgelassen hatte, verlor die Sabotagetheorie zusehens an Wahrscheinlichkeit. Wenig später war dann zu erkennen, dass sich mehrere Deckplatten der Überdachung gelöst hatten und im stürmischen Wind flatterten. Bei dem vermeintlichen "Müll" konnte es sich folglich nur um Dämmstoff des Stadiondachs handeln. Inmitten des ganzen Szenarios kamen vom Stadionsprecher bis 35 Minuten nach dem für 18 Uhr geplanten Anpfiff keinerlei Informationen. Statt dessen wurden die rund 60.000 Zuschauer fröhlich mit Musik beschallt. Schließlich erging das Kommando, das Stadion zügig zu verlassen. Keine Minute zu spät, wie sich später herausstellte, denn kurz darauf segelten mehrere große Blechteile auf die zum Glück schon leeren Tribünen.

In einer Pressekonferenz beglückwünschten sich die Verantwortlichen wenig später dann gegenseitig zu ihrem schnellen und entschlossenen Handeln, das eine Tragödie verhindert habe. Nicht zur Sprache kam dabei, dass es vor einem Jahr bei einem Spiel der zweiten Mannschaft von Benfica schon einmal Probleme mit der Überdachung gegeben hatte. So bleibt der Eindruck bestehen, dass sich der Verein schlichtweg nicht genügend um die Instandhaltung seines Stadions kümmert.

Noch am Sonntag wurde das Spiel für den Dienstagabend neu angesetzt, natürlich nur unter der Voraussetzung, das bis dahin alle Schäden repariert und die Konstruktion gründlich überprüft worden sei. Nun bin ich kein Bausachverständiger, aber den Medien war zu entnehmen, dass diese Überprüfung am Montag keine zwei Stunden in Anspruch genommen hat. Das Wort "gründlich" ist damit wohl eine Frage der Definition.

Ansprechen möchte ich auch noch den generellen Umgang meines Vereins Benfica Lissabon mit seinen Anhängern, der allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz ganz offenkundig immer mehr auf schlichte Gewinnmaximierung ausgelegt ist. Erst am Montagnachmittag veröffentlichte Benfica eine Erklärung, wie mit den Eintrittskarten jener Zuschauer verfahren wird, denen es nicht möglich sein würde, die Begegnung zum neuen Termin zu besuchen. Diesen wurde bis zum Anpfiff am Dienstagabend Zeit gegeben, ihr Eintrittsgeld erstattet zu bekommen, und zwar nur dort, wo die Karte gekauft wurde. Einem Fan, der zum Beispiel aus Nordportugal angereist war und sich sein Ticket an der Stadionkasse gekauft hatte, blieben somit etwas mehr als 24 Stunden, um nochmals schnell an einem Wochentag nach Lissabon zu fahren. Eine ausgesprochen zynische Regelung, denn wer am Dienstag Zeit hatte in die Hauptstadt zu fahren, konnte sich ja auch gleich das Derby ansehen.

Schließlich wurde die Begegnung dann am Dienstagabend ausgetragen. Ich war zwar wieder zuhause in Offenbach, konnte aber Dank des diesmal einwandfrei funktionierenden Livestreams von Benfica TV den ungefährdeten 2:0-Sieg der Mannschaft von Trainer Jorge Jesus bejubeln, mit dem Benfica seine Tabellenführung ausbaute.





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