23. August 2013

Leere Ränge in Portugal

Vielleicht nicht alles, aber bemerkenswert viel dreht sich in Portugal um den Fußball. Täglich von Montag bis Sonntag erscheinen in dem kleinen Land am Westrand Europas drei Zeitungen, die sich fast ausschließlich mit Fußball beschäftigen. Sie gehören zu den auflagenstärksten Tageszeitungen des Landes. Wer mit Portugiesen ins Gespräch kommen möchte, findet über das Thema "Futebol" in aller Regel einen dankbaren und sehr mitteilsamen Gesprächspartner.

Fußballikonen wie José Mourinho oder Cristiano Ronaldo genießen in Portugal den Status nationaler Heiligtümer, ihre Konterfeis sind in den entlegensten Winkeln des Landes zu finden. Dazu ist Portugals Hauptstadt Lissabon die Heimat des größten Fußballvereins der Welt. Mit rund 224.000 Mitgliedern wurde Benfica ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen.

Ein glückliches Land möchte man meinen, das sich zur EM 2004 wider jede wirtschaftliche Vernunft zehn nagelneue Stadien geleistet hat, die den Arenen in Deutschland hinsichtlich Modernität und Komfort in nichts nachstehen. Ein Land also, dessen fußballverrückte Einwohner Woche für Woche fröhlich in die Stadien der heimischen Liga strömen müssten.

Doch die Besucherzahlen vom ersten Spieltag der Liga ZON Sagres am vergangenen Wochenende zeichnen ein ganz anderes Bild. Gerade 64.257 Zuschauer verfolgten die acht Spiele der ersten portugiesischen Liga, davon allein 29.629 das Spiel von Sporting Lissabon gegen Aufsteiger Arouca.

Selbst Zuschauerkrösus Benfica, dessen Fans bis zwei Wochen vor Ende der letzten Saison vom Triple aus Meisterschaft, Pokal und Europa League träumen konnten, verzeichnete 2012/13 nur einen Besucherschnitt von 42.365 Zuschauern in seinem Estádio da Luz, das mit 65.500 Plätzen das größte Stadion Portugals ist. Der Lissabonner Vorortverein Estoril Praia, der sich nach einer tollen Saison erstmalig für die Europa League qualifizierte, konnte seine durchschnittlich 1.970 Besucher eigentlich per Handschlag begrüßen.

Worin liegen die Gründe, dass eine so fußballbegeisterte Nation nicht mehr den Weg ins Stadion findet?

Traditionell ist die seit 1934 ausgetragene portugiesische Meisterschaft eine recht einseitige Veranstaltung. Benfica Lissabon ist mit 32 Titeln Rekordmeister, gefolgt vom FC Porto (27) und Sporting Lissabon (18). Nur zwei Vereinen gelang es in der 79-jährigen Ligageschichte, die Phalanx der "großen Drei" zu durchbrechen: 1946 Belenenses Lissabon und 2001 Boavista Porto.

Diese Macht der Gewohnheit führte über die Jahrzehnte dazu, dass praktisch jeder Portugiese zunächst einmal Fan einer der drei großen Vereine ist. Der eigene Klub vor Ort kommt, mit Ausnahme der Städte Guimarães und zuletzt auch Braga, erst an zweiter Stelle. Dementsprechend finden die meisten Vereine auch dann nur wenig Publikumszuspruch, wenn sie in einer erfolgreichen Saison um die Meisterschaft mitspielen. 

Das kleine Land mit seinen zehn Millionen Einwohnern leistet sich zudem den Luxus einer mit 16 Teams aufgeblähten ersten Liga, für die sich regelmäßig Provinzklubs qualifizieren, die strukturell nicht das Potential haben um Stadien zu füllen. So kommt der letztjährige Meisterschaftsdritte Paços de Ferreira aus einer Stadt mit 7.500 Einwohnern und muss sich im Norden Portugals mit sechs weiteren Ligakonkurrenten aus Arouca, Braga, Barcelos, Guimarães, Vila do Conde und nicht zuletzt Porto um die Gunst der Zuschauer streiten.

Genau so selbstverständlich wie der Meister am Ende einer jeden Saison Benfica, Porto oder Sporting heißt, erklären die Verantwortlichen der Vereine Niederlagen mit "dem System". Niemals gewinnt ein besserer Gegner verdientermaßen ein Spiel, Schuld hat vielmehr stets das System. Angedeutet wird damit, dass die Konkurrenz den Schiedsrichter bestochen hat oder es zumindest besser versteht, den Liga-Verband zum eigenen Nutzen zu manipulieren. Ich verfolge die portugiesische Liga seit 28 Jahren und kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass jemals ein Trainer die Niederlage seiner Mannschaft mit einer schlechten Leistung der Spieler oder gar taktischen Fehlern erklärt hätte. Reflexartig kommt der stets gleiche Vorwurf, der Schiedsrichter habe den eigenen Sieg verhindert.

Diese permanenten Andeutungen haben über die Jahrzehnte hinweg ein Klima erzeugt, in dem viele Fans im Falle einer Niederlage wie selbstverständlich von Betrug ausgehen. Die ständigen Verdächtigungen fördern sicher nicht die Motivation der Anhänger, einen sportlichen Wettkampf im Stadion zu verfolgen.

Fehlende Zuschauereinnahmen und die in einem kleinen Land sehr überschaubare Zahl potentieller Sponsoren haben die portugiesischen Vereine in eine zunehmende Abhängigkeit von Fernsehgeldern gebracht. So diktiert der Pay-TV-Sender "SporTV" die Anstoßzeiten zwar nicht nach Belieben, hat aber bei der Festsetzung der Termine ein gewichtiges Wort mitzureden. Immer wieder werden Spiele in die späten Abendstunden verlegt, was Zuschauern mit Kindern oder einer weiten Anreise den Stadionbesuch fast unmöglich macht.

All diese Umstände haben dazu geführt, dass sich zahlreiche Fans enttäuscht vom heimischen Fußball abwenden und statt dessen lieber in die glanzvolle Welt der spanischen und englischen Ligen mit ihren portugiesischen Helden Cristiano Ronaldo und José Mourinho eintauchen, deren Spiele "SporTV" live überträgt. Immer mehr Zuschauer bleiben zuhause oder gehen ins Restaurant, um dort die Begegnungen von Real Madrid oder dem FC Chelsea zu verfolgen, anstatt am kommenden Montag um 21 Uhr das Spiel von Braga gegen Belenenses zu besuchen.

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