13. August 2013

Benfica nach dem "Triple des Grauens"

Würden Fußballspiele nach 80 Minuten enden, hätte Benfica Lissabon in der vergangenen Saison eine der erfolgreichsten Spielzeiten seiner ruhmreichen Vereinsgeschichte gefeiert. Bis zum 11. Mai 2013 waren der Gewinn der portugiesischen Meisterschaft, der Europa League und des nationalen Pokals in greifbarer Nähe. Doch in den folgenden zwei Wochen zerstoben alle Titelhoffnungen, am Ende blieb dem portugiesischen Rekordmeister nur das "Triple des Grauens".

Als ungeschlagener Tabellenführer trat Benfica am vorletzten Spieltag der portugiesischen "Liga ZON Sagres" mit zwei Punkten Vorsprung beim direkten Verfolger FC Porto an. Schon ein Unentschieden hätte den 33. Meistertitel praktisch garantiert. Doch Kelvins Treffer zum 2:1-Sieg Portos in der 91. Minute versetzte die Adler aus Lissabon in einen Schockzustand. Das Bild des geschlagen neben seinem jubelnden Kollegen aus Porto knienden Trainers Jorge Jesus sollte zum Symbol für eine ganz Saison werden.

Nur vier Tage später folgte der nächste Tiefschlag. Im Endspiel der Europa League in Amsterdam war Benfica dem FC Chelsea über die gesamte Spielzeit hinweg mehr als ebenbürtig. Trotzdem ging das Finale verloren. Wieder lautete das Ergebnis 2:1, wieder fiel der Siegtreffer des Gegners in der Nachspielzeit. Unglücklicher kann man ein Endspiel nicht verlieren.

Elf Tage später dann der absolute Tiefpunkt im Nationalstadion von Lissabon: Als haushoher Favorit ging Benfica ins portugiesische Pokalfinale gegen Vitória Guimarães. Zwar gelang dem seltsam apathisch agierenden Team von Jorge Jesus nach einer halben Stunde der Führungstreffer. Doch ein Doppelschlag der Nordportugiesen in der 79. und 81. Minute begrub auch die letzte Titelhoffnung der stolzen Adler, die zum dritten Mal in nur zwei Wochen 2:1 geschlagen wurden.

In Erinnerungen blieben vor allem die unwürdigen Szenen nach Spielende, die bis heute die Vorbereitung Benficas auf die neue Saison überschatten. Zunächst wurde Stürmerstar Óscar Cardozo handgreiflich gegen Coach Jesus und beschuldigte ihn vor laufenden TV-Kameras ganz offenkundig, für die neuerliche Pleite verantwortlich zu sein. Anschließend verweigerten die Spieler Benficas dem portugiesischen Staatspräsidenten Cavaco Silva den Handschlag und verließen noch vor der Pokalübergabe den Platz.

Mit bislang 105 Treffern ist Óscar Cardozo der erfolgreichste ausländische Stürmer Benficas aller Zeiten. Da der Paraguayer die Autorität des Trainers so deutlich in Frage gestellt hatte, setzte sich bei Fans und Medien schnell die Meinung durch, dass einer der beiden den Verein verlassen müsse. Präsident Luís Filipe Vieira bekannte sich bereits im Juni zum in Teilen der Anhängerschaft sehr umstrittenen Coach und verlängerte dessen mit jährlich vier Millionen Euro fürstlich dotierten Vertrag um zwei weitere Jahre.

Somit schien der Verkauf Cardozos praktisch beschlossen zu sein. Die portugiesische Sportpresse erging sich während der Sommerpause in täglich neuen Spekulationen und Gerüchten. Mehrfach wurde der Transfer Cardozos zu Fenerbahçe Istanbul als sicher gemeldet. Doch bislang scheiterte der Wechsel offenbar an den Forderungen Benficas, das für seinen Stürmerstar, der noch einen Vertrag bis 2016 mit einer Ausstiegsklausel von 60 Millionen Euro besitzt, eine Ablöse von mindestens 15 Millionen Euro erzielen will.

Inzwischen deutet alles auf einen Verbleib Cardozos bei Benfica hin. Sicherstes Indiz hierfür war ein Auftritt des Paraguayers im vereinseigenen Fernsehkanal "BenficaTV" in der vergangenen Woche, bei dem er um Entschuldigung für sein Verhalten nach dem Pokalfinale bat. Tage zuvor hatte der Stürmer noch erklärt, er sei fest entschlossen in die Türkei zu wechseln.

Es bleibt abzuwarten, ob Jesus und Cardozo zu einem normalen Umgang zurückfinden, und welche Auswirkungen der Autoritätsverlust des Trainers auf die Mannschaftsleistungen hat. Jorge Jesus steht in seiner fünften Saison bei Benfica jedenfalls von Beginn an unter gewaltigem Erfolgsdruck. Nur ein Meistertitel und drei Liga-Pokale in vier Jahren entsprechen nicht den Erwartungen, die die traditionell anspruchsvollen "Benfiquistas" an einen Trainer stellen, dem der höchste Etat der Klubgeschichte zur Verfügung steht.

An English version of this article was published at The Football Pink.

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